Vor 100 Jahren wurde Rosa Luxemburg geboren

Der Satz „Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden“ ist beinahe ein Allgemeinplatz geworden, seit ihn Politiker verschiedenster Couleur immer wieder zitieren und strapazieren. Für Rosa Luxemburg, die dieses Bekenntnis 1917 niederschrieb, war es mehr als Ideologie – war es der kategorische Imperativ sozialistischer Politik. Dennoch (oder gerade deswegen?) ist Rosa Luxemburg, die in Politik und Theorie wohl bedeutendste Frau unseres Jahrhunderts, auch 52 Jahre nach ihrer Ermordung eine ebenso umstrittene wie verkannte Persönlichkeit geblieben. Nicht einmal ihr Geburtsdatum war genau bekannt. Bereits vor einem Jahr erschienen Artikel zu ihrem hundertsten Geburtstag. Dabei hatte ihr Biograph Peter Nettl schon längst geklärt, daß Rosa Luxemburg am 5. März 1871 geboren wurde.

Gewiß, Fakten sind richtiggestellt, die schlimmsten Verzerrungen des Luxemburg-Bildes zurechtgerückt worden. Doch die historische Rolle dieser faszinierenden Frau wird noch immer gegensätzlich interpretiert. Rosa Luxemburg hat den deutschen Kommunismus begründet, doch gerade die deutschen Kommunisten haben und hatten ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Vorkämpferin. Lenin rügte die KPD bereits 1922, weil sie es versäumt hatte, das Gesamtwerk der großen Revolutionärin zu veröffentlichen. Bis heute gibt es eine solche Edition nicht; diese Aufgabe hat auch die SED in ihrer 25jährigen Geschichte nicht gelöst. Erst jetzt wird in Ostberlin eine umfangreiche Ausgabe vorbereitet. Bisher liegen vor:

Rosa Luxemburg: „Gesammelte Werke“; hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED; Band 1: 1893–1905; l.und 2. Halbband; Dietz Verlag, Berlin (Ost) 1970; 835 und 667 Seiten, 25,– M.

Die zwei Bände enthalten über 150 Artikel, Broschüren, Parteitagsreden usw. Wenn die folgenden Bände ähnlich angelegt sind, dürfte schließlich die erste umfassende deutsche Ausgabe der Werke Rosa Luxemburgs greifbar sein (die Edition von Paul Frölich in den zwanziger Jahren blieb unvollständig; Ossip K. Flechtheims Ausgabe von 1966/68 enthält nur die Hauptwerke). Leider ist in den zwei Halbbänden der inzwischen in Polen veröffentliche Briefwechsel Rosa Luxemburgs mit ihrem engen Freund Leon Jogiches (s. nebenstehende Rezension) gar nicht berücksichtigt worden, so daß auch diese Ausgabe ein Torso bleibt.

In der Einleitung beschreibt der Hauptherausgeber Günter Radczun Leben und frühe politische Wirksamkeit Rosa Luxemburgs, vor allem ihren Kampf gegen den Bernsteinschen Revisionismus und gegen die rechten Sozialdemokraten. Im Sinne der SED – die schon immer Rosa Luxemburgs Persönlichkeit beschworen, viele ihrer Ideen aber als „luxemburgistische“ Abweichung verurteilt hat – kritisiert Radczun Rosa Luxemburgs Vorstellungen von der Rolle und dem Aufbau einer revolutionären Partei, soweit sie Lenins Ideen widersprechen. Sie habe eben „keinen Zugang zu den Fragen einer Partei neuen Typus“ gehabt...

Immerhin: in der vorliegenden Ausgabe wurde zum erstenmal in der DDR Rosa Luxemburgs kritische Schrift „Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie“ (1904) veröffentlicht, worin sie Lenins Konzept einer zentralistischen Partei verwirft. Es ist bemerkenswert, daß man nun auch in einer Ostberliner Ausgabe lesen kann, „der von Lenin befürwortete Ultrazentralismus scheint uns aber in seinem ganzen Wesen nicht vom positiven schöpferischen, sondern vom sterilen Nachtwächtergeist getragen zu sein ...“