Von Paul Moor

Im Fall Weil fällte das von der britischen Militärregierung in Westberlin eingesetzte Gericht jetzt das Urteil. Der Hilfskrankenpfleger wurde wegen heimtückischen Mordversuchs zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, daß Weil am 7. November vergangenen Jahres den sowjetischen Soldaten Schtscherbak am Ehrenmal in Tiergarten mit zwei Schüssen schwerverletzt hatte. Der amerikanische Journalist Paul Moor beobachtete den Prozeßverlauf.

Am siebenten Tag im Prozeß gegen den einundzwanzigjährigen Berliner Krankenpflegerhelfer Ekkehard Weil, der wegen versuchten Mordes an dem sowjetischen Soldaten Iwan Iwanowitsch Schtscherbak in Moabit vor einem englischen Richter steht, sitzt Weils Patenonkel im Zeugenstand. Die zweite Frage, die der Verteidiger an den alten Mann richtet, dreht sich um den Pflegevater: „Hat er einen starken Einfluß auf Ekkehard gehabt?“ „Einspruch!“ schmettert Sir David Hughes-Morgan, Vertreter der Anklage. „Diese Frage hat für diesen Fall nicht die geringste Bedeutung.“ Der Einzelrichter, Leslie Block, gibt dem Einspruch statt.

Sir David ist juristisch im Recht. Das Gericht interessiert nur, wer auf den Gefreiten Schtscherbak geschossen hat: Weil oder ein geheimnisvoller Kumpan. Die Frage, warum Weil geschossen hat, wenn er tatsächlich der Täter gewesen ist, ist für das englische Gericht ohne Bedeutung. Ebensowenig wie die Frage, was für ein Mensch Weil ist.

Zweimal am Tage, morgens um zehn und nachmittags um 14.30 Uhr setzte sich im Zimmer 500 des Moabiter Justizgebäudes eine bebrillte Dame mit fahrigen und nervösen Gesten auf denselben Platz: Frau Weil, in hellem Pelzmantel und mit rotem Hut. „Wenn ich etwas durcheinander rede, hat das ja einen medizinischen Grund, ich habe ja ein Herzleiden, das bedeutet eine ungenügende Durchblutung des Gehirns, und deshalb verliere ich manchmal die Strähne.“ Sie verdammte die „Verteufelung“ ihres Sohnes durch die Presse: „So etwas wie das in Tiergarten kann nur in dieser Stadt geschehen. Wer weiß, was für einen Einfluß diese Morde an der Mauer auf ein junges Gemüt haben?“ Sie erzählte von schlimmen Kriegserlebnissen: „Wir waren damals im Hungergebiet, wenn das Ihnen ein Begriff ist. Das war in Pommern. Pommern gibt’s nicht mehr; Pommern haben die ausgelöscht. Ich kenne die Russen, ich habe hier in Berlin auf dem Dach gestanden, während die Bomben fielen.“ „Ich habe gehört“, fuhr sie fort, „die Engländer haben vor, meinen Sohn ganz besonders schwer zu bestrafen. Um es kraß auszudrücken, nur den Russen zuliebe!“

Als Zeuge hat Ekkehards „Pflegevater“, ein ehemaliger Freund seiner Mutter, die Frage, ob er überzeugter Nationalist sei, verneint und sich selber als „nationalliberal“ bezeichnet. Ein Bekannter von ihm beschreibt ihn privat als „einen im Erfolgssinne gescheiterten Mann, einen verklemmten kleinen Nazi, einer von jenen, die immer noch nicht fassen können, wie furchtbar daneben sie damals gehauen haben“. Von 1965/66 an verwandelte sich die Freundschaft zu Frau Weil in eine erbitterte Feindschaft Ekkehard Weil brachte es aber fertig, seine Beziehungen zu diesem „Pflegevater“ (sein Vater hatte die Familie zehn Monate nach Ekkehards Geburt verlassen), auch nach dessen Bruch mit seiner Mutter, aufrechtzuerhalten. Als Ekkehard zwölf Jahre alt war, schickte ihn seine Mutter für dreieinhalb Jahre in ein Frohnauer Internat, das ein erfahrener Berliner Gerichtsreporter „naziberüchtigt“’ nennt. Später, nach seinem gescheiterten Versuch, ein „Zuhause“ bei der Bundeswehr zu finden, wohnte er als Untermieter bei seinem „Pflegevater“, der es ihm verbot, eine Hakenkreuzfahne in seinem Zimmer aufzuhängen, wie es ihm seine Mutter zu Hause erlaubt hatte. Gegen das Modellieren von zwei Hitlerbüsten und einer Hitlermaske hatte er jedoch nichts einzuwenden.

Ekkehard Weils ältere Schwester ist verheiratet und lebt in Spanien; sein älterer Bruder Wilhelm fährt zur See; eine starke Spannung und Rivalität kennzeichnet bis Leute das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern; Ekkehard verachtet den Beruf seines Bruders, den er „nicht ordentlich, nicht seßhaft genug“ findet. Über das Verhältnis zwischen Ekkehard und seiner Mutter ist wenig zu erfahren. Er lehnte es ab, sie als Zeugin vorzuladen; er meinte, sie würde zu viel und zu unbeherrscht reden. Kurz vor Ende des Prozesses wollte die Verteidigung Frau Weil doch als Zeugin vorladen; als der Verteidiger das bekanntgab, drehte sich Ekkehard Weil zu seiner Mutter um, musterte sie grimmig und flüsterte böse: „Nimm den Hut ab!“ Sir David Hughes-Morgan aber legte keinen Wert auf Frau Weil als Zeugin. Sie blieb stumm unter den Zuschauern sitzen.