Von Elena Schöfer

Welche Motive könnten heute die Redaktion einer medizinischen Zeitschrift veranlassen, einen Text nachzudrucken, in dem ein Arzt seine Mitwirkung am Massenmord von Geisteskranken und Geistesschwachen im Dritten Reich zu entschuldigen und die Schrittmacher einer „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ – so der Titel jener Abhandlung von Karl Binding und Alfred Hoche aus dem Jahre 1920, auf die sich die Nationalsozialisten beriefen – zu rechtfertigen sucht? Und welche Überlegungen veranlaßten ausgerechnet das offizielle Standesorgan der deutschen Ärzteschaft, das von der Bundesärztekammer herausgegebene „Deutsche Ärzteblatt“, in Heft 8/1971 das vor zwei Jahren bereits anderswo veröffentlichte „Spiel aus der jüngsten Vergangenheit“ eines Dr. med. Walter Füsslin zu publizieren?

Weil die beiden redaktionellen Hinweise auf das Rechts- und Rührstück eher die Absicht der Verantwortlichen verschleiern, als daß sie sie zu erkennen geben, stellt sich die Frage: Schildert Füsslin – wie in der Einleitung behauptet – „die Schuld all derer, keine Helden gewesen zu sein, die Schuld der Verzagten, die sich selbst in Lebensgefahr fühlten, die nicht den Mut zum Widerstand hatten“, ist sein Text also zeitgeschichtliche Dokumentation, Aufruf zur politischen Wachsamkeit, Provokation der „reinen“ Wissenschaft? Oder zeigt das Spiel im Gegenteil – und wie im Inhaltsverzeichnis behauptet – „das Wenige, was man damals als Arzt in einem Gesundheitsamt verhindern konnte“? Heischt es Verständnis für die Ärzte, Anerkennung ihres kleinen „Nein“, einsichtsvolle Resignation ob ihres großen „Ja“?

Der Text selbst bietet Anhaltspunkte nur für eine dritte Möglichkeit: Er spricht für die ungeheuerliche Absicht, das Gute und Vernünftige in der falsch und euphemistisch sogenannten Euthanasie aufzuzeigen oder, mit den Worten des Autors, die „Weisheit“ der Professoren Hoche und Binding dem „Wechselbalg“ gegenüberzustellen, der aus den Gedanken dieser „Zierden der Freiburger Universität“ im Dritten Reich entstand.

Füsslin bemüht sich, den Eindruck zu erwecken, man habe damals das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, „unnötige Grenzüberschreitungen begangen“, und als müsse daher endlich „ein ordentliches Gerichtsverfahren ..., ich meine ein deutsches, ordentliches Gericht...“ all jene rehabilitieren, die sich lieber auf die Tötung „geisteskranker Schwerverbrecher“ oder „schlecht betreuter Vollidioten“, eben auf „lebensunwertes Leben im Sinne von Hoche/Binding“ beschränkt hätten.

Offenbar haben Füsslin und seine Publizisten noch immer nicht begriffen, daß die faschistische Barbarei nicht in der Konsequenz bestand, mit der die Originalreihe von „Ballast-Existenzen“ (Hoche) und „Defektmenschen“ (Hoche) um einige Gruppen von „Schwächlingen“ (Hoche) und ‚minderwertigen Elementen“ (Hoche) verlängert wurde. Denn was die ärztlichen Nazi-Schergen und ihre Laienhelfer von ihren akademischen Vorläufern unterschied, ist ja keineswegs, daß sie mehr Menschen umbrachten, als von diesen gefordert, sondern allenfalls, daß sie überhaupt jemanden umbrachten, was Hoche und Binding wiederholt bedauerten, legal nicht tun zu dürfen. Und so war es auch keine „völlig verzerrte und verkorkste Form, (in der) die Weisheit der Professoren auf uns herniederhagelte“ (Füsslin), sondern deren propagandistische und organisatorische Perfektion.

Nicht nur die pseudowissenschaftlichen Argumente, auch die affektgeborenen Begriffe der zwei Zierden gelangten gerade in der Nazi-Zeit zur vollen Anerkennung: jener mystische „Lebenswille“, der, nachdem man ihn den gesunden Staatsbürgern zugesprochen, den Geisteskranken und Idioten aberkannt werden konnte; jener Undefinierte „Lebenswert“, dem gegenüber man ein „lebensunwertes“ und gar ein Leben mit „negativem Wert“ abgrenzen und preisgeben konnte; jener „Standpunkt einer höheren staatlichen Sittlichkeit“, von dem aus die „Bedeutungslosigkeit der Einzelexistenz“ erkannt und „die Forderungen eines überspannten Humanitätsbegriffes“ zurückgewiesen werden mußten; der Staat als „Organismus, der, wie wir Ärzte wissen, im Interesse der Wohlfahrt des Ganzen auch einzelne wertlos gewordene oder schädliche Teile ...abstößt“; der „Fremdkörpercharakter“ der Geistesschwachen „im Gefüge der menschlichen Gesellschaft“; ihr „intellektuelles Niveau, das wir erst tief unten in der Tierreihe wieder finden“ und die „Zeiten höherer Sittlichkeit – der unseren ist aller Heroismus verlorengegangen“, in denen man „diese Menschen, die das furchtbare Gegenbild echter Menschen bilden“ „wohl amtlich von sich selbst erlösen (würde)“ (alle Zitate aus Binding/Hoche, Leipzig 1922).