ZDF, Mittwoch, 10. März, und Freitag, 12. März: "Die Münchner Räterepublik", Dokumentarspiel von Hellmut Andics, Regie: Hellmuth Ashley

Wenn es, ein entsetzlicher Gedanke, das Dokumentarspiel des Zweiten Deutschen Fernsehens von morgen an in der vertrauten Form nicht mehr gäbe – wie viele Menschen sähen sich dann der Chance beraubt, ihre wahren Talente zu zeigen! Die Haarkünstler – könnten sie noch im Akkord die Dürer- und Koteletten- und W-Form-Bärte herstellen? Die Maskenbildner – hätten sie auch weiterhin Gelegenheit, sich mit Hilfe von Lenin-Nasen und Mussolini-Kiefern als verdiente Meister des Fachs auszuweisen? Die Ausstatter – würden sie am Ende den schönen Tagen nachtrauern müssen, da sie noch in Spezialgeschäften, in London zum Beispiel, nach einem Fayence-Ofen aus dem Empire für das Zimmer des Herrn Generals fahnden durften? (Den Cul de Paris der Baronin von W. aus dem Bismarck-Film ... so etwas macht mir keiner nach!)

Und dann erst die vielen Komparsen, das Nieder und Hoch schreiende Volk, die Proleten, SA-Männer und Reichswehrsoldaten! Die Historiker, verpflichtet, um das Quellenmaterial auf Genre-Szenen und historisch ergiebige Nummern hin durchzumustern! Die großen Akteure mit ihrem Ehrgeiz, papierene Sätze zum Ruhme ihres Berufsstandes zu artikulieren! Niemals vor Lachen nicht weiterzukönnen! Spruchbänder wie Goethesche Verse zu sprechen!

Dieses Bauerntheater von Mainz, auf dessen Brettern man Geschichtsunterricht im Stil von ehegestern erteilt, mit verteilten Rollen und maskierten Publikumslieblingen, denen die Bestätigung des Satzes "Männer machen die Geschichte" obliegt... wie viele Leute müßten anders (nützlicher: als Kommentatoren, Dokument-Interpreten und Schöpfer von Requisiten, die Zitat-Charakter besitzen) eingesetzt werden, wenn es im ZDF einen einflußreichen Kenner zeitgenössisch-progressiver Historiographie gäbe, der sich, unter pädagogischen Aspekten, eine Fortführung solcher in Szene gesetzten Kammerdiener-Memoiren verbäte!

Was nämlich herauskommt bei diesem obsoleten Geschichtstheater, bewies die zweiteilige Sendung über die Münchner Räterepublik wieder einmal aufs schönste: Eglhofer bayerisch raunzend; Eglhofer, die Fassade des Ministeriums erklimmend – und dann hinein in Eisners Arbeitsgemach, grad so, wie’s in Mühsams Memoiren steht; Rosa Leviné, das Flintenweib, ein Teufel in Menschengestalt; Schloßverwalter Jakob Wimmer, von johlenden Roten gequält... es wirkte alles, wie man sagt, ganz echt.

Und so natürlich dabei, wenn etwa die Eisnerin den Herrn Ministerpräsidenten mit einem Hör zu, Kurt über die Unterschiede zwischen Rußland und Bayern belehrte. So lebenswahr, das Ganze! So überzeugend, wenn, sorgsam abgehoben von der roten Megäre, das sozialdemokratische Muttchen mit ihrem Hannes (Johannes Hoffmann, im Bürgeridyll des bayerischen Lehrers) über familiäre Sorgen parlierte!

Von den Hintergründen des ganzen Spektakels allerdings erfuhr man nur wenig; Begriffe wie Räterepublik blieben Leerformeln ("Räte": wie nötig wäre es gewesen, gerade in diesem Fall die Assoziation "Terror" durch die Assoziation "direkte Demokratie" – konkretisiert in "Kronstadt" oder "Ungarn 1956" – aufzuheben; Eisners Grundkonzept, Räte und Parlament, gewann so wenig Plastizität wie Landauers antiautoritäre Vision: Nicht umsonst verspürt man Disziplin ... Grobheit und Befehlshabern nirgends so oft wie in der preußischen Armee und in der deutsch-preußischen Sozialdemokratie. Nachzulesen in dem von Tankred Dorst und Helmut Neubauer herausgegebenen Band "Die Münchner Räterepublik" – eine Sammlung von Zeugnissen, die mit dem Film zu vergleichen nützlich und aufschlußreich ist.

Das Resultat: Wichtigstes fällt fort im Fernsehspiel (Eisners große Wahlrede vor den Unabhängigen, deren entscheidende Passagen hätten zitiert werden müssen: in ihrem situativen Zusammenhang); Belanglosigkeiten werden naturalistisch wiedergegeben (Eglhofers Kletterei); ganze Komplexe bleiben außer Betracht (die Thüle-Gesellschaft zum Beispiel); was nicht ins Konzept paßt, fliegt raus (der zarte Leviné, der seiner Frau, die darauf zu weinen anfängt, das Volkslied zitiert: Sag, ach melde meiner jungen Frau, daß ich genommen eine andere: Ich habe gefreit den frühen Tod ... so hat ein Terrorist nicht zu reden!); phantasievolle Ergänzungen verfälschen den Duktus der Dokumente (Schloßverwalter Wimmer wird von den Roten keineswegs gequält: eher befangen, fast anständig treten die auf); Differenzierung ist die Sache des Verfassers nicht (Levinés Handeln wäre an seiner Gewaltinterpretation, vorgetragen in der Verteidigungsrede vor Gericht, zu messen gewesen); Perspektiven und Tendenzen treten nicht zutag; alles Faktische ist dem Range nach gleich, rot gilt so viel wie weiß, das Mittel so viel wie das Ziel. Die Politik: ein schmutziges Geschäft. Die Geschichte: eine Mischung aus Genre-Szenen und unbegreifbarer Fatalität, im einzelnen scheinbar vertraut (Hannes im häuslichen Habit, Kurt beim Morgenkaffee), im ganzen unerklärlich, irrational und von fremden Gesetzen bestimmt. (Am besten ist es, man mischt sich nicht ein; die haben alle Dreck am Stecken, man sieht’s ja, da ist einer wie der andere; verstehn tun wir’s eh nicht; ich hab immer gesagt, Ruhe und Ordnung, alles beim alten, was willst du mehr?)

Wie grandios demgegenüber, allem Pathos zum Trotz, das Eisner-Gedicht Kurt Tucholskys – ein Traktat, der Partei nimmt, für Eisner, so wie Dorst Partei nehmen wollte, für Leviné. Und Mainz? Für wen ist Mainz?

(Mainz ist für die Zuschauer.) Momos