DIE ZEIT

Denkzettel

Die SPD ist doch eine großartige Partei“, scherzte der Berliner Parteivorsitzende Klaus Schütz am Abend nach der Wahl, „da verlieren wir sechs Prozent, und alle sind glücklich.

Bildungs-Kater

Ein Protokoll brachte es an den Tag: Die SPD-Kulturpolitiker haben Angst vor der eigenen Courage, seitdem Bildungspolitik nicht mehr bloß deklamiert, sondern verwirklicht werden soll.

Triumph einer Revolution

Niemand hatte Indira Gandhi und der Kongreß-Partei einen so gewaltigen Sieg vorausgesagt. Wenn man es jetzt hinterher bedenkt, hätte einen vielleicht schon der erstaunliche Ausgang der pakistanischen Wahl aufmerken lassen sollen.

Urteilsschelte

Skrupellose Geheimdienstmethoden warfen die Richter in Halle dem westdeutschen Fabrikanten Seeberger und dem Westberliner Industrievertreter Arff vor und verhängten über beide drakonische Strafen: lebenslange Haft für den einen, dreizehn Jahre für den anderen.

Wust von Utopien

Wer viel fragt, bekommt viele Antworten – je umfangreicher, desto inhaltsärmer. Die Opposition fragte die Regierung nach den inneren Reformen; die Regierung antwortete mit einem Konvolut.

ZEITSPIEGEL

Vatikanische Theologen prüfen derzeit ein marxistisches Dokument, das in der vergangenen Woche von der römisch-katholischen Synode der Diözese Südtirol verabschiedet wurde.

Lairds neues Etikett

Nixons Verteidigungsminister Laird hat der amerikanischen Verteidigungsdoktrin ein neues Etikett aufgeklebt: „realistische Abschreckung“.

Mehr Geld für weniger Sicherheit

Amerika will künftig nicht mehr allgegenwärtiger Gendarm sein, aber ebensowenig will es als ordnende Weltmacht abdanken, schon gar nicht in Europa.

Ohne Stuck und Schnörkel

Die politische Bundesprominenz ist diese Woche in Rheinland-Pfalz unterwegs, um in der Endrunde vor der Landtagswahl am Sonntag auch zwischen Eifel und Pfalz, zwischen Saar und Westerwald den letzten Wähler auf die Beine zu bringen.

Ostern durch die Mauer?

Werden die West-Berliner zum erstenmal seit viereinhalb Jahren ihre Verwandten in der anderen Stadthälfte wiedersehen können? Berlins Regierender Bürgermeister Schütz gibt sich optimistisch.

Doch: Betteln für Berlin

In der vorigen Ausgabe hat ZEIT-Verleger Gerd Bucerius den Bundeskanzler wegen einer Wahlkampfäußerung kritisiert, wonach Ernst Reuter „erniedrigende Bettelgänge“ nach Bonn habe machen müssen, um Dienststellen des Bundes nach Berlin zu bekommen.

Bengalisches Feuerwerk

Der Rikschafahrer fährt auf Umwegen zum Telegraphenamt, um so den Stockschlägen demonstrierender Landsleute zu entgehen. Listig lächelnd meint er: „Von nun an werden wir nur noch Bengali sprechen, das verstehen die Westpakistaner nicht, und dann werden sie uns endlich in Ruhe lassen.

Sprach Jefferson deutsch?

Die ZEIT ist einer Legende aufgesessen, einem Irrtum freilich, dem offensichtlich die ganze Nation seit Jahrhunderten erlegen ist.

Gnadenfrist der Generäle

Ankara, im März Am vergangenen Freitag um 12.40 Uhr bekam der Nachrichtenchef der türkischen Rundfunkanstalten in Ankara unangemeldeten Besuch.

In Irland gehen die Henker um

Thomas Cahill war den meisten Bewohnern des Belfaster Stadtteils Ballymurphy als Milchmann bekannt. Aber was er nach Feierabend trieb, ahnten nur wenige.

Dunkle Warnung aus Peking

Das chinesische Volk meint, was es sagt, und was es sagt, wird in die Tat umgesetzt", schrieb die Pekinger Volkszeitung nach dem Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Tschou En-lai in Nordvietnam.

"Israels neue Landkarte"

Seit 1968 der damalige israelische Ministerpräsident Levi Eschkol einem Journalisten die Grenzforderungen seines Landes nannte und damit eine Kabinettskrise auslöste, bestand ein striktes Verbot.

„Verführer sehen oft nett aus“

Auf einem Zettel, der dem Diskussionsleiter gereicht wurde, stand: „Wir haben die einmalige Chance, einen der bedeutendsten Zeugen der Zeitgeschichte unter uns zu sehen.

Unter die Gürtellinie

Bunkerhaft und Bücherentzug für die politischen Untersuchungsgefangenen in Moabit

Vogel nahm die Hürde

Zwei organisatorische Basen, die in den vergangenen Monaten nicht unwesentlich zur Verschärfung der Flügelkämpfe in der Münchner SPD beigetragen haben, werden wieder verschwinden.

Ex-Major Kruse verurteilt: Zwischen allen Fronten

Am 3. April 1969, einem Gründonnerstag, fuhr der Major der Bundeswehr, Hans-Joachim Kruse, Taktiklehrer an der Heeresoffiziersschule in Hamburg-Wandsbek, mit einem Volkswagen über den Grenzkontrollpunkt Lauenburg in die DDR und bat dort um politisches Asyl.

Berliner Wahlen ohne Überraschungen

Bei den Berliner Wahlen konnte die SPD, wie erwartet, ihre absolute Mehrheit trotz beträchtlicher Einbußen knapp behaupten. Die CDU verbesserte sich um 5,3 Punkte, die FDP um 1,4; die SEW scheiterte erneut an der Fünf-Prozent-Klausel.

Meuchelmorde in Belfast

Die Ermordung der drei britischen Soldaten in der nordirischen Hauptstadt Belfast ist in Großbritannien und in Irland mit Empörung aufgenommen worden.

Dokumente der ZEIT

„Dieser dem Kongreß und dem amerikanischen Volk vorgelegte Verteidigungsbericht 1972 enthält ein auf fünf Jahre abgestelltes Verteidigungsprogramm, das eine neue nationale Sicherheitsstrategie der realistischen Abschreckung darlegt.

Keine Einigkeit in Brüssel

Die fünfte Ministerkonferenz der Beitrittsverhandlungen zwischen der EWG und Großbritannien ist am Dienstag ohne Sachergebnis auseinandergegangen.

Regierung Demirel gestürzt

Die türkischen Generale haben die Regierung von Ministerpräsident Demirel gestürzt. Am Freitag vergangener Woche. verlangte das Militär in einer Erklärung, die über Radio Ankara verlesen wurde, den sofortigen Rücktritt Demirels und die Bildung einer „Regierung der Nationalen Koalition“.

Triumphaler Erfolg für Indira Gandhi

Einen unerwartet hohen Sieg errang die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi bei den Parlamentswahlen. Ihre Kongreßpartei erhielt mit 350 der 518 Sitze die Zweidrittelmehrheit; stärkste Opposionspartei wurden die (nach Peking orientierten) Marxisten mit 22 Mandaten.

Nahost: Vorstoß Israels

Israels Ministerpräsidentin Golda Meir hat am Dienstag nach einer stürmischen Debatte eine Vertrauensabstimmung in der Knesset gewonnen.

SALT: Vierte Runde

Am Montag begann in Wien die vierte Runde der amerikanisch-sowjetischen Gespräche über eine Begrenzung der strategischen Rüstung (SALT).

Agrardebatte: Hilfe zugesagt

Bonn wird die Bauern nicht im Stich lassen. Das erklärte Bundeskanzler Brandt Mitte voriger Woche während der Agrardebatte des Bundestages.

Die Kunst, Kunst zu kaufen

Folgende Fragen hatten wir den Hausherren von rund einem Dutzend Museen gestellt: Welche Kunstwerke haben Sie im vergangenen Jahr aus welchen Gründen und für wieviel Geld erworben, und was hätten Sie, vorausgesetzt der Etat und das Angebot wären unbegrenzt, gern angeschafft? (Die Antworten stehen auf Seite 14.

Kunstkalender

In der Literatur zum russischen Konstruktivismus und zum Thema Kunst und Revolution wird immer wieder der berühmte Turm zitiert, den Tatlin 1920 für die III.

Über Preise spricht man nicht

Ausnahmsweise soll nicht von der Krise die Rede sein, in der sich das Museum befindet und die zu einem der essentiellen Bestandteile seiner selbst und seines gestörten Selbstverständnisses geworden ist, auch nicht von der notwendigen Umstrukturierung des Museums der Gegenwart und von dem utopischen Museum der Zukunft.

ZEITMOSAIK

Die Theater veröden; Novellen werden zu Pamphleten, Dichter zu Politikern ... Der Schriftsteller begnügt sich nicht mehr mit dem Lorbeer seines Berufs, er geizt nach politischer Macht, und um seinen Ehrgeiz zu bemänteln, rechtfertigt er seine neue Richtung durch den veränderten Lauf der Welt.

Elisabethano-Western

Vom Hochmut der deutschen Theater wäre zu reden, wenn man einmal untersuchen wollte, warum ein Stück, das im Programmheft der Wiesbadener Aufführung ohne viel Übertreibung das erste Schauspiel des 20.

Eine Erzählung von H. C. Artmann:: How much Schatzi?

Er steht vor dem café, es erscheint die blondine, er springt sie an, er reißt ihr die perücke vom kopf, er verstreut den inhalt ihrer handtasche, er bespuckt ihren pulli, er dreht ihre nase zwischen mittel- und Zeigefinger, er knetet ihre ohren, er beißt in ihre perlenkette, er stippt ihre Sonnenbrillen in unrat, er zieht ihr wie ein rasender die Strümpfe von den beinen, er zerfetzt ihr das Unterkleid, er entblößt ihr unter höhnischen bemerkungen den busen, um dadurch, für sein schreckliches werk aufmerksamkeit zu erregen.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Bach: „Matthäus-Passion“; Esswood, Sutcliffe, Bowan, Equiluz, Rogers, Ridderbusch, van Egmond, Schopper, Sopransolisten der Wiener Sängerknaben, Knabenstimmen des Regensburger Domchors, Männerstimmen des King’s College Chors Cambridge, Concentus musicus Wien; Gesamtleitung: Nikolaus Harnoncourt; Telefunken SAWT 9572/75-A, 100,– DM.

Richtig schönes Kino

Rudolf Thome, zweiunddreißig Jahre alt, hat bisher drei Filme gedreht: 1968 „Detektive“, 1969 „Rote Sonne“, den er augenblicklich im Eigenverleih vertreibt, und nun „Supergirl“, der letzten; Dienstag im Fernsehen lief und den er ebenfalls selbst in die Kinos bringen wird.

FILMTIPS

„Meine Nacht bei Maud“, von Eric Rohmer. Dispute über Pascal und die Mathematik, über Glaube, Liebe, Treue und Gott; Figuren, „ein bißchen gewunden“, ein strenger Katholik, ein Marxist, eine geschiedene atheistische Ärztin; spröde, sparsame Schwarzweißbilder – es ist eine der „sechs moralischen Geschichten“ des nouvelle-vague-Regisseurs, ein reiner Dialogfilm, aber dennoch von einer faszinierenden Schönheit und Sinnlichkeit.

Gerechtfertigter Mord

Welche Motive könnten heute die Redaktion einer medizinischen Zeitschrift veranlassen, einen Text nachzudrucken, in dem ein Arzt seine Mitwirkung am Massenmord von Geisteskranken und Geistesschwachen im Dritten Reich zu entschuldigen und die Schrittmacher einer „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ – so der Titel jener Abhandlung von Karl Binding und Alfred Hoche aus dem Jahre 1920, auf die sich die Nationalsozialisten beriefen – zu rechtfertigen sucht? Und welche Überlegungen veranlaßten ausgerechnet das offizielle Standesorgan der deutschen Ärzteschaft, das von der Bundesärztekammer herausgegebene „Deutsche Ärzteblatt“, in Heft 8/1971 das vor zwei Jahren bereits anderswo veröffentlichte „Spiel aus der jüngsten Vergangenheit“ eines Dr.

Dezent gelichteter Schrecken

Der Österreicher Gerhard Amanshauser, geboren 1928 in Salzburg, erhielt bereits 1952 den Georg-Trakl-Preis für Lyrik, veröffentlichte aber in Buchform bisher lediglich die Satire „Aus dem Leben der Quaden“ und eine Geschichte in der von Handke herausgegebenen Horror-Anthologie „Der gewöhnliche Schrecken“.

KRITIK IN KÜRZE

„Energon – Das verborgene Gemeinsame“, von Hans Hass. Eine Nutte, das weiß jeder, ist ein weiblicher Einmannbetrieb, der seine Frau ernährt.

Bernstein und Mahler: Schmerz mit Herz

Leonard Bernstein will, wie man hört, nicht nur alle Symphonien von Brahms, sondern auch alle Symphonien von Gustav Mahler für das Fernsehen dirigieren: Das bedeutet, daß im nächsten Jahrzehnt hauptsächlich der Bernsteinische Mahler vor den Bildschirmen der Welt gesehen und gehört werden wird.

Hochschulen: Assistenten zur Kasse

Die Assistenten haben finanzielle Sorgen. Die Kasse ihres Verbandes stimmt nicht mehr. Das Defizit ist sogar so groß, daß sich die Bundesassistentenkonferenz (BAK) gezwungen sehen könnte, die Arbeit noch in diesem Jahr einzustellen.

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