In den Börsensälen ist man seit geraumer Zeit auf der Suche nach Spezialitäten. In den großen Standardaktien ist kaum noch etwas zu verdienen. Um ihre Kurse in Bewegung zu bringen, brauchen wir wieder massive ausländische Kaufaufträge. Wann sie sich wieder einstellen werden, ist ungewiß. Die Zwischenzeit versucht der Börsenberufshandel mit Papieren zu überbrücken, von denen anzunehmen ist, daß an ihnen die Aufwärtsbewegung der ersten beiden Monate dieses Jahres ungerechtfertigt vorüberging.

So wird auch der Versuch der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft zu werten sein, die Aufmerksamkeit ihrer Kundschaft auf die Textilaktien zu lenken. Völlig zu recht wird in einer Ausarbeitung über dieses Spezialgebiet darauf hingewiesen, daß der Markt der Textilaktien sehr eng ist und es sich deshalb empfiehlt, limitierte Aufträge zu erteilen.

Gerade in der Periode einer auslaufenden Aufwärtsbewegung muß man vorsichtig sein. Sonst bleibt man auf spekulativ überhöhten Papieren hängen. Ihre Kurse sind leicht durch eine Handvoll Spekulanten manipulierbar, die nach dem Motto arbeiten: Den Letzten beißen die Hunde.

Welche Kurssprünge möglich sind, zeigt der Fall "Kämmerei Döhren". Der Tiefstkurs lag bei diesem Unternehmen 1970 bei 1000, der Höchstkurs bei 2620 Mark. Am Jahresende 1970 war die 1000-Mark-Aktie zu 1280 Mark erhältlich, heute zahlt man wieder 1950. Also ein Kursgewinn von über 50 Prozent innerhalb weniger Wochen. Dabei wurden zuletzt nur 60 Mark je Aktie ausgeschüttet. Die Käufer spekulieren auch nicht auf einen hohen Ertrag, sondern auf eine beträchtliche Substanz, die der Gesellschaft als Grundvermögen zur Verfügung steht. Spekulanten setzen ihn auf 6000 Mark(!) an.

Grundvermögen- und Konzentrationsphantasie sind im Textilbereich Zur Zeit die Hauptantriebskräfte. Der Wettbewerb zwischen den rund 3600 Textilbetrieben in der Bundesrepublik wird härter und erzwingt ständig neue Konzentrationen. Nur größere Unternehmungen mit sinnvoll abgestimmten Produktionskapazitäten und weitgehender Diversifikation werden überleben.

Wer sich deshalb Abfindungs-Roulett nicht beteiligen will, sondern eine "solidere Anlage" sucht, kann im Textilbereich nur das Beste vom Besten erwerben. Die Bank für Gemeinwirtschaft rechnet nicht, daß die Textilbranche nach dem kräftigen Ertragsrückgang im vergangenen Jahr 1971 bereits wieder mit besseren Ergebnissen aufwarten kann. Das verhindert allein schon der anhaltende Kostendruck. "Dennoch ist ein allzu starker Pessimismus unangebracht. Das Ertrags- und Kurstal dürften die meisten börsennotierten. Textilaktien bereits durchschritten haben".

In der Tat spricht nun sehr vieles dafür, daß die Textil-Unternehmen zu jenen Gesellschaften zählen werden, die Nutznießer des Konsum-Booms sein werden, mit dem wir in diesem Jahr noch zu rechnen haben. Seit dem letzten Quartal 1970 nehmen die Auftragseingänge wieder zu. Der Handel, der sich im vergangenen Herbst mit Neueindeckungen zurückhielt, weil er nicht abzusehen vermochte, wohin die Mode-Reise geht, ordert in diesen Wochen lebhaft. Die Läger müssen aufgefüllt werden. Dabei scheint man auch in Bezug auf die Preise großzügiger geworden zu sein. Man rechnet, daß der Umsatzzuwachs in der Textilindustrie zwischen 5 und 7 Prozent liegen wird, wahrscheinlich ist dies aber zu knapp bemessen. 1970 wuchs der Umsatz nur um, 3,9 Prozent.