Zu beachten ist, wie kürzlich in einer Pressekonferenz des Otto-Versandes zu hören war, daß die ausländischen Produzenten ihre Preise erhöht haben oder noch erhöhen werden, so daß sich von dieser Seite her in absehbarer Zeit eine gewisse Entlastung ergeben könnte.

Diese besseren Aussichten sind zum Teil schon von der Börse vorweggenommen worden. Der Index für Textil-Aktien hat sich seit November um etwa 30 Prozent erhöht. Und wer sich die Kurs/Gewinn-Verhältnisse der führenden deutschen Textil-Unternehmen ansieht, wird finden, daß die Kurse alles andere als "niedrig" sind. Andererseits liegen sie meist noch beträchtlich unter ihren letztjährigen Höchstkursen, berechnet auf Basis der geschätzten Gewinne für 1970.

Von den klassischen deutschen Textil-Aktien scheint mir der Kurs von Girmes (775 Mark) am besten fundiert zu sein. Das Unternehmen dürfte sogar in dem schwierigen Jahr 1970 noch eine kleine Gewinnsteigerung erzielt haben. Die Bank für Gemeinwirtschaft schätzt den Gewinn je Aktie auf 57 (55) Mark. Deshalb dürfte wohl die Dividende von 22 Mark aufrechterhalten werden. Das Kurs/Gewinn-Verhältnis stellt sich auf "nur" 14, die Dividenden-Rendite auf 2,84 Prozent. Damit scheidet dieses Papier für "renditebewußte" Anleger aus. Für die Tagesspekulation ist der optisch hohe Kurs ein Hindernis; er bindet selbst beim Erwerb kleinerer Posten hohe Beträge. Das Girmes-Aktienkapital von 30 Millionen ist breit gestreut; die Zahl der Aktionäre ist unbekannt.

Spekulativ interessant sind die Aktien der Christian Dierig AG. Hierbei handelt es sich um einen Textil-Konzern mit Sitz in Augsburg, dessen Aktien zu rund 72 Prozent bei der Textil-Treuhand GmbH liegen, einer Gruppe, zu der die Mitglieder der Gründerfamilie gehören. Von Zeit zu Zeit tauchen in den Börsensälen Übernahmegerüchte auf, die den Kurs der Dierig-Aktien sofort in Bewegung bringt. So läßt sich auch das relativ hohe Kurs/Gewinn-Verhältnis von 19 erklären. Im übrigen scheint auch Dierig das heikle Jahr 1970 einigermaßen gut überstanden zu haben, denn der Gewinn je Aktie wird auf immerhin 8 (9) Mark geschätzt.

In den letzten Tagen kräftig gestiegen sind die Aktien der Bremer Wollkämmerei. Das hat sicherlich keine "Ertragsgründe", denn in dieser Beziehung sieht es bei dem Bremer Unternehmen ungünstiger aus als bei Girmes oder Dierig. Ausschlaggebend ist hier der wertvolle Grundbesitz des Unternehmens, das wiederum zu 45 Prozent an der Hamburger Wollkämmerei GmbH beteiligt ist, einem Unternehmen, das ebenfalls über wertvolle und verwendbare Grundstücke verfügt. Sollte demnächst die "Grundstücksspekulation" an der Börse wieder aufleben, dann sollten Sie, meine verehrten Leser, nicht nur auf Hamborner Bergbau oder Harpener Bergbau achten, sondern auch auf Bremer Wolle.

Auf einem anderen Blatt steht die Frage, ob der Grundbesitz tatsächlich günstig "versilbert" und der Erlös den Aktionären zugänglich gemacht werden kann. Spekuliert wird gegenwärtig allein auf das Vorhandensein der Substanz. Deshalb scheint es mir darauf anzukommen, die Kursentwicklung von "Grundstücksaktien" aufmerksam zu verfolgen und auch einmal Kursgewinne sicherzustellen. Ihr Securius