Köln

Auf ihren Wahrheitsgehalt sorgfältig recherchierte Sendungen einer unabhängigen deutschen Rundfunkanstalt haben die Bundesregierung in „ernste Sorge“ über die dadurch verursachte „anhaltende Störung der deutschgriechischen Beziehungen“ gestürzt. Das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Griechenland sei durch diese Sendungen beeinträchtigt worden, Staatssekretär Paul Frank vom Auswärtigen Amt gab die Auffassung der Bundesregierung am 12. März dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Christian Wallenreiter, schriftlich, mit Kopie an den Staatssekretärkollegen Conrad Ahlers „zu seiner Unterricht tung“.

Die griechischsprachigen Sendungen des Bayerischen Rundfunks, so die amtliche Feststellung aus Bonn, hätten für die Bundesrepublik Deutschland „beträchtlichen außenpolitischen und auch wirtschaftlichen Schaden verursacht“. Der Staatssekretär kabelte nach München, die griechische Regierung, „die schon seit Jahren mit wachsender Verärgerung auf diese. Sendungen reagiert“, habe nunmehr auf Grund bestimmter Meldungen angekündigt, „daß deutsche Firmen bis auf weiteres in Griechenland keine Staatsaufträge mehr erhalten werden. Die Bundesregierung hat für die Verärgerung der griechischen Regierung Verständnis“.

Der Bayernfunk-Intendant möge eine Richtigstellung veranlassen, um – so der AA-Staatssekretär als Vertreter der Bundesregierung – „wenigstens die bereits eingetretene Schädigung unserer Interessen zu mindern“.

Worum geht es? Am 16. Februar meldete Pavlos Bakojannis, Redakteur der deutschen Griechen-Sendung aus München, im Internationalen Währungsfond hätten Erörterungen über eine Abwertung der griechischen Drachme stattgefunden, es sei zu inoffiziellen Empfehlungen an griechische Stellen gekommen. Das in Griechenland stark beachtete griechische Kurzwellenprogramm der „Deutschen Welle“ übernahm die Meldung. Am 1. März korrigierten beide Sender einen, wie Bakojannis erklärt, „telegraphischen Übermittlungsfehler“: nicht beim Internationalen Währungsfond, sondern bei der Weltbank in New York sei das Thema Drachmen-Abwertung erörtert worden. In der Sache blieb man fest, gestützt auf mehrere nichtpreiszugebende Informanten.

Der griechische Botschafter in Bonn brauchte neun Tage, bis er am 25. Februar im Auswärtigen Amt protestierte. Es traf sich, daß anderntags gerade der Rundfunkrat der „Deutschen Welle“ tagte. Der beschloß daraufhin auf Vorschlag des Chefredakteurs Johannes Gross, ab sofort dürfe die „Deutsche Welle“ keine Griechen-Meldungen des Bayerischen Rundfunks mehr übernehmen. Damit war die Kölner Griechen-Redaktion mit einem Streich des Großteils ihrer bisherigen Informationen beraubt, denn nur die Bayernfunk-Griechen haben einen eigenen Korrespondenten und direkte Nachrichtenverbindungen. Jahrelang hatten die Freunde der griechischen Militärs vergeblich versucht, die Quelle freier und unverfälschten Informationen aus Köln zu verstopfen; erst am 26. Februar 1971 ist es ihnen im wesentlichen gelungen – ein Fall übrigens für die ARD, denn noch nie in der Nachkriegsgeschichte unseres Rundfunks ist es vorgekommen, daß ein ARD-Mitglied die journalistische Arbeit eines anderen ARD-Mitglieds derart diskriminiert. Diese Diskriminierung liegt unter anderem darin, daß Chefredakteur Gross es bisher abgelehnt hat, die Beweismittel seines ARD-Kollegen Bakojannis sich auch nur anzusehen, und daß er einer Sendung des Westdeutschen Rundfunks zufolge in diesem Zusammenhang von „unseriösem Journalismus“, „manipulierten Meldungen“ und einer „Falschmeldung“ gesprochen hat.

„Unsere Interessen“, sprich außenpolitische Belange der Bundesregierung im Verhältnis zu Griechenland (eine Formulierung aus dem Frank-Fernschreiben), kamen erst richtig in Gefahr, als der Wirtschaftskorrespondent der FAZ und des Handelsblatts, der zugleich Geschäftsführer der Deutsch-Griechischen Handelskammer in Athen ist, am 9. März und erneut am 17. März meldete, Koordinationsminister Makarezos habe Anweisung an sämtliche staatlichen Stellen gegeben, deutschen Firmen keine Aufträge mehr zu erteilen. Begründung: Falschmeldung des Bayerischen Rundfunks und der Deutschen Welle über Drachmenabwertung. Dem Athener Spiege/-Korrespondenten sagte das Makareszos-Ministerium zwar: „Wir haben keine Ahnung, wir hören das zum erstenmal“ – aber das feine Zusammenspiel allenthalben hatte immerhin vereinte Sorge von Bundesregierung und Industriefirmen mobilisiert: „Die Bundesregierung hat für die Verärgerung der griechischen Regierung Verständnis.“ „Deutsche-Welle“-Intendant Steigner hat es mittlerweile für völlig abwegig erklärt anzunehmen, „daß griechische oder deutsche Industriekreise einen Einfluß auf die Programmgestaltung der Deutschen Welle ausüben könnten“ – dennoch sitzt die Kölner Griechen-Redaktion seit dem 26. Februar auf dem trockenen.

Frohlockten die Athener Regierungsblätter Eleftheros Kosmos und Nea Politeia am Wochenende über die Fernschreibaktion des Staatssekretärs Frank: „Ein Gnadenschuß für die Deutsche Welle. Ansgar Skriver