Finnlands Staatspräsident, Urho Kekkonen, hatte sich verrechnet. Seine Maxime, wonach die neutrale finnische Außenpolitik am besten durch eine breite Regierungskoalition gesichert sei, scheiterte am Widerstand der Kommunisten: Nach nur acht Monaten Amtszeit gab Ministerpräsident Ahti Karjalainen den Rücktritt seines Fünf-Parteien-Kabinetts bekannt.

Die Krise schwelte schon lange. Den Reichstagswahlen im März vergangenen Jahres, bei denen Sozialdemokraten wie Linkssozialisten erhebliche Stimmeneinbußen erlitten und die in ideologische Richtungskämpfe zerstrittene Kommunistische Partei ihren stärksten Aderlaß seit 1945 hinnehmen mußte, folgten monatelange Koalitionsverhandlungen: Die Zentrumspartei Karjalainens wollte nicht ohne die Landpartei in die Regierung, die Kommunisten hingegen nur ohne die Landpartei und die Sozialdemokraten nur mit den Kommunisten. Doch obwohl die finnische KP dann doch mit Zentrum und Sozialdemokraten, mit Liberalen und der Schwedischen Volkspartei eine Koalitionsregierung bildete, blieb ihre Marschroute zweideutig: Sie könne, so Parteichef Siarinnen, den traditionellen parlamentarischen Regeln nicht folgen: "Man kann nicht in Fragen Einigkeit fordern, bei denen Klasseninteressen gegeneinanderstehen."

Es gab keine Kompromisse; die Kommunisten tiaten, obwohl mit drei Ministern im Kabinett vertreten, offen gegen die Regierungspolitik an. Sprengkraft lag in der Doppelfunktion der KP: Sie wollte klassenkämpferische Oppositionspartei und Regierungspartei zugleich sein.

Aus dreierlei Gründen bestanden die Sozial – demokraten dennoch auf einer Koalition mit den Kommunisten. Erstens, so hofften sie, ist die Sowjetunion an einer für die westeuropäischen Länder beispielhaften Regierungsbeteiligung der Kommunisten interessiert; zweitens lasse sich das wirtschaftliche Stabilisierungsprogramm von 1968, das den Lohnauftrieb stoppte und die Preissteigerungsrate auf nur 2,5 Prozent drückte, nur mit den Kommunisten weiterführen; und drittens bliebe der Arbeitsfriede gewahrt.

Die sozialdemokratische Hoffnung währte nur kurz: Im Dezember lehnten die Kommunisten den Haushaltsplan ab. Nur der Rüffel des sowjetischen Vizeaußenministers Kusnezow, der damals insgeheim nach Helsinki kam, konnte das vorzeitige Ausscheiden der Kommunisten aus der Volksfrontregierung verhindern. Inzwischen aber gingen die Sympathien des Kreml immer deutlicher vom Reformerflügel auf die stalinistische Minderheit der finnischen KP über.

Als in der vergangenen Woche das wirtschaftliche Stabilisierungsabkommen vom Reichstag noch einmal für ein Jahr verlängert werden sollte, stimmte die KP, unter dem Druck der Sowjets und der Stalinisten in den eigenen Reihen, gegen die Regierungsvorlage. KP-Chef Saarinen schlug noch einmal eine Volte: Die Annahme von Regierungsvorlagen, so argumentierte er, müsse innerhalb der Partei einstimmig erfolgen. Widersetze sich eine Minderheit, so müsse auch die Mehrheit mit Nein stimmen.

Die Sozialdemokraten sind jetzt von einer Koalition mit den Kommunisten geheilt. Den Sowjets schien eine deutliche Abgrenzung von dem gefährlichen westeuropäischen "Sozialdemokratismus" wichtiger als demokratische Spielregeln und Kabinettsdisziplin.

Sepp Binder