Von Joachim Schwelien

Fort Benning, im März

Die qualvoll langen Tage des Wartens auf einen Spruch der Jury ließen die nervöse Spannung in William Calley wachsen. Häufiger als in den vorangegangenen vier Monaten des Prozesses lud er Freunde und Bekannte abends in seine kleine Offizierswohnung auf dem Gelände von Fort Benning ein. Immer länger wurden die Stunden und die Drinks, die er mit ihnen teilte, öfter als sonst schlenderte er durch die Gänge des Militärgerichtes, um wie zufällig eine Unterhaltung mit den Korrespondenten anzuknüpfen und sich durch ein Gespräch ablenken zu lassen.

Calley will sich aussprechen, er sucht Anlehnung und Verständnis. Er möchte kein Held der Kriegervereine bleiben, und er will den Schatten von My Lai abschütteln, der kleine Oberleutnant der amerikanischen Armee, der – wie einst Dreyfus für Frankreich – zur cause célèbre des Krieges in Vietnam für Amerika geworden ist. Zwar ist er dieser Rolle charakterlich und intellektuell nicht gewachsen, aber ihm bleibt nichts übrig, als sie zu Ende zu spielen, über Freispruch oder Verurteilung hinaus:. So hat es das Schicksal mit ihm gewollt.

Irgendwo offenbart sich da wirklich ein Unrecht. Über hundert Soldaten seiner Kompanie waren auf die eine oder die andere Weise an den Schreckenstaten von My Lai am 16. März 1968 beteiligt. Von General Westmoreland, dem damaligen amerikanischen Befehlshaber in Vietnam, bis hinunter zu seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Hauptmann Medina, reichte die lange Befehlskette, an der William Calley wie ein Fisch am Angelhaken zappelt. Die in keinem Handbuch und in keiner Truppenbelehrung erwähnten Kampfgepflogenheiten waren für ihn, der beinahe ohne Erfahrung eine Truppe führen sollte, die Richtschnur, an der er sich orientierte. Und jetzt soll er allein für das alles herhalten – für das Morden, Brennen, Verwüsten in dem vietnamesischen Weiler; er, William Calley, der damals 24 Jahre alt war, als dieses Verbrechen verübt wurde, das wie ein Monument für die Kriegsverbrechen in Vietnam steht.

Das ist eine Last, die Calley kaum tragen kann. Die amerikanische Nation mutet ihm zuviel zu. Sein Name und der des Ortes, der ihn auf so schreckliche Weise berühmt werden ließ, stehen schon im World Almanach, dem Haushaltslexikon der Amerikaner. Gespräche über ihn können nicht mehr neutral geführt werden. Für die amerikanischen Spießbürger ist „Rusty“ Calley, wie seine Kameraden ihn nennen, zum Symbol allen Unrechtes geworden, das dem amerikanischen Soldaten von den Politikern und der Presse angetan wird. Für sie ist er ein Held, der genauso gehandelt hat, wie sie es auch getan hätten. Für die anderen, eine Minderheit sicherlich, ist er das Endprodukt eines verrohenden Krieges, von dem man sich schaudernd abwendet. An ihm soll ein Exempel statuiert werden, damit die Welt nicht denke, Offiziere wie Calley seien für die amerikanische Armee repräsentativ.

Zwischen diesen beiden Meinungen steht schwankend, unsicher, manchmal wieder trotzig und aufbegehrend der junge Mann namens William Calley. Wenn er auch dem Rat seines Anwalts Latimer folgte und seine Beteiligung am Massaker von My Lai verniedlichte, so stritt er seine Schuld vor Gericht doch keineswegs völlig ab. Er gab zu, in jenen Graben am Ortsausgang von My Lai geschossen zu haben, in dem siebzig südvietnamesische Zivilisten, Frauen, alte Männer und kleine Kinder, umgebracht worden sind. Er wies seine Verantwortung für die Befehle zum Töten, die er an seine Untergebenen, die Schützen und die Unteroffiziere, weitergab, nicht rundheraus ab, wenn er sich auch auf die Befehle von oben berief. Die aber will ihm niemand gegeben haben, kein General, kein Oberst und auch kein Hauptmann Medina. Sie alle lassen den Befehl an William Calley hängen.