Von Werner Dolph

Der Prozeß um drei von der "Roten Zelle Germanistik" empfohlene germanistische Lehrveranstaltungen dauerte zwei Tage und endete am 15. März mit der Niederlage des Senators für Wissenschaft und Kunst. Verwaltungsgerichtspräsident Berge verkündete im Plenarsaal des Berliner Verwaltungsgerichts das Urteil der 2. Kammer: Die an den Präsidenten der Freien Universität gerichtete Anordnung des Senators, drei links-germanistische Proseminare zu verhindern, war in allen Punkten rechtswidrig. Die Anordnung, soweit sie durch das Ende des Semesters nicht ohnehin erledigt ist, wird ohne Einschränkung aufgehoben. Im übrigen wird sie nachträglich für rechtswidrig erklärt.

Der Prozeßsieg des FU-Präsidenten Kreibich über den Senator für Wissenschaft und Kunst ist zugleich eine Niederlage der Roten Zellen. Kreibichs Vertrauen in ein rechtsstaatliches Verfahren hatten die Roten Zellen als Selbst- und Fremdtäuschung über den "Klassencharakter der Justiz" interpretiert. Als Kreibich sich während des Prozesses gegen Solidaritätsstreiks aussprach und gewaltsame Protestformen mit Strafanzeige bedrohte, analysierten die Roten Zellen beim FU-Präsidenten den "Klassenstandpunkt der Herrschenden". Zur Beseitigung des Verbots verlangten sie die Mobilisierung der "studentischen Massen". Kreibich nannte das "revolutionäres Gefasel".

Der Eskalationsprozeß kam trotzdem in Gang. Als engster Verbündeter der Roten Zellen erwies sich der Senat von Berlin. Daß im Zweifel erst das Verbot und dann erst das Denken kommt, hat in Berlin seit einigen Jahren Tradition. Die Existenzangst der Stadt zusammen mit politisch gebrechlichem Wohlstand macht intolerant vor allem gegen "links". Da Unvernunft in dieser Atmosphäre sich wahlwirksam auszahlt, will keine Partei auf Unvernunft ganz verzichten. Die Erziehung und Aufklärung, die Unvernunft mindern könnte, bleibt deshalb aus.

Der Senator Stein ist im Senat der letzte Vertreter der "Linken". Seit der Wahl haben sich die Rücktrittsgerüchte wieder verstärkt. In Partei und Öffentlichkeit isoliert, ist der Handlungsspielraum des Senators für Wissenschaft und Kunst vom Bereich der Stretegie längst auf den Bereich der Taktik verengt. Seine politische Existenz hat er an das Funktionieren eines fortschrittlichen, Universitätsgesetzes gebunden. Dessen Denkvoraussetzung ist die mit Vernunft gesteuerte Kooperation aller universitären Gruppen. Daß es dazu kommt, ist in Berlin zweifelhafter als anderswo. *

Im Vorlesungsverzeichnis für das Wintersemester 1970/71 hatten die drei marxistisch gestimmten Dozenten Dr. Manfred Lefèvre (33), Dr. Horst Domdey und Dr. Friedrich Rothe (32) drei germanistische Proseminare angekündigt. Deren Titel erregten bei der Obrigkeit zunächst keinerlei Aufmerksamkeit:

  • Deutsche Literatur von der Kapitulation bis zur Währungsreform (Lefèvre),
  • Literatur des CDU-Staats (Domdey),
  • Literatur zum Aufbau des Sozialismus in der DDR (Rothe).