Israel muß sich entscheiden: Wie teuer ist der Friede?

Von Dietrich Strothmann

Die Verhältnisse sind nicht so, sie werden wohl auf lange Zeit nie so sein: daß Juden und Araber in Frieden miteinander leben, in guter Nachbarschaft; daß sie Botschafter austauschen, Handelsverträge abschließen, ihre Grenzen offenhalten. Der Nahe Osten ist nicht Westeuropa. Drei Kriege wurden dort geführt in knapp 25 Jahren – aber die drei Siege brachten Israel nicht dazu, allein auf seine Überlegenheit zu vertrauen, und die drei Niederlagen lehrten die Araber nicht, mit den Israelis zu leben, als Gleiche unter Gleichen. Hier, so hat es den Anschein, versagen Vernunft und guter Wille. Oder ist diese Prognose zu düster? Kann Politik auch im Nahen Osten Kriege verhindern, Koexistenz, vielleicht sogar Kooperation an die Stelle von Konfrontation setzen?

Gerade in den letzten Wochen ist dazu ein Anfang gemacht worden, mancherorts wurde sogar bereits von einem "Durchbruch" gesprochen. Immerhin stehen, zum erstenmal nach dem Krieg von 1967, die Zeichen günstiger als je zuvor: Die Araber, voran die Ägypter, haben deutlich zu erkennen gegeben, daß sie zu Zugeständnissen bereit sind. Und die Israelis sind zu der Einsicht genötigt worden, daß ihnen Kompromisse abverlangt werden können. Allmählich wächst auf beiden Seiten die Überzeugung, nicht ohne Zutun der Großmächte, daß eine Politik des "Gebens und Nehmens" die Phase der Kriege ablösen muß. Umstritten ist lediglich noch die Prozedur dieser Politik und das Ausmaß des Arrangements. Wie ist dieser Wandel zu erklären?

Zum einen besteht zwischen Washington und Moskau eine zumindest stillschweigende Übereinkunft, es nicht zu einem neuen Waffengang kommen zu lassen, in den beide automatisch hineingezogen werden könnten. Erst dieser Tage wieder hat der amerikanische Außenminister Rogers die Gefahr eines dritten Weltkrieges beschworen, der sich aus einem militärischen Konflikt im Nahen Osten nach dem Muster des Steppenbrands entwickeln könnte. Denn Amerika kann die Vernichtung Israels nicht hinnehmen, die Sowjetunion nicht eine neue, schwere Niederlage Ägyptens.

Zum anderen haben sich in Israel und in den arabischen Staaten einige grundsätzliche Veränderungen vollzogen. Die Regierung in Jerusalem hat zu spüren bekommen, daß die USA nicht länger willens sind, blindlings alle Bedingungen Israels zu akzeptieren. Jerusalem muß jetzt wählen zwischen "Geographie und Sicherheit", zwischen territorialem Zugewinn und der Bereitschaft Washingtons, die alten Grenzen Israels mit allen verfügbaren Mitteln zu schützen. Das ist die einzige Alternative, die jetzt noch übriggeblieben ist. Israel ist stark genug, lebensfähig und überlebensfähig, auch in seinen alten Grenzen – sofern die Großmächte gemeinsam mit dem Weltsicherheitsrat diese Grenzen garantieren und durch eine Friedensstreitmacht bewachen; vor allem auch dann, wenn sich die arabischen Nachbarstaaten in einer Abmachung verpflichten, Israels staatliche Existenz zu akzeptieren und zu respektieren.

In "hartnäckiger Einsamkeit"