Der Inle-See in Burma verströmte, sonnenüberglänzt, von blauen Bergen gesäumt, seinen ganzen Zauber. Auf einer der schwimmenden Inseln war ein Volksfest im Gange. Eine Theatergruppe führte ein Zat pwè vor, jene Mischung aus Schauspiel, Gesang, Tanz und Clownerie. Aber hinter einer Schilfwand verborgen mußte in der Nähe noch ein anderes Spektakel zu sehen sein. Vor dort war Beifallsklatschen zu hören. Hier zeigten die Chinlone-Artisten der Menge ihre Kunststücke.

Chinlone, im Englischen auch Caneball genannt, ist in Burma Volkssport. Überall kann man die aus Schilfrohr geflochtenen Bälle auf den bunten Märkten für den Gegenwert von einer Mark kaufen. Sie haben nur 16 inches, das sind etwa 40 Zentimeter, Umfang, sind innen hohl und so geflochten, daß ein Dutzend fünfeckiger Löcher freibleiben. Nur fünf Spieler sind beteiligt und nehmen in einem relativ kleinen Kreis Aufstellung.

Was nun einer dieser einfachen Fischer in einem zitronengelben Trikot auf dem schwankenden Boden der Inle-See-Insel mit dem durchlöcherten Ball vorführte, verschlug mir fast den Atem. Er war Rastelli und Beckenbauer zugleich. Der Ball schien an magischen Fäden gezogen zu werden, so perfekt war die Technik des Spielers, dessen Können an Zauberei grenzte.

In Japan hatte ich vor einem Tempel in Kyoto einmal das Kemari gesehen, das vielleicht im altchinesischen Fußballspiel den gleichen Urahn hat wie.das burmesische Chinlone und das thailändische Sabar. Beim Takô, einem verwandten Spiel, dürfen auch Schultern, Ellbogen und Kopf zum Stoß benutzt werden. Schließlich kamen die Thais und auch einige der burmesischen Völker aus dem südlichen China. Eindeutig beweisen läßt sich heute eine solch kühne These freilich nicht mehr. Aber allen drei Spielen liegt die gleiche Idee zugrunde: Der Ball muß von einer Reihe im Kreis aufgestellter Spieler mit dem Fuß oder Bein geschlagen in der Luft gehalten werden und soll möglichst nicht zur Erde fallen. Parteien gibt es nicht.

Beim Kemari, das zusammen mit dem Buddhismus aus China nach Japan gekommen sein könnte, nahm die Entwicklung des Spiels einen anderen Verlauf. Der Kult und damit auch die Kostüme wurden nie abgelegt, Kemari wurde nie zum echten Sport. Heute wird es nur noch künstlich am Leben erhalten. Ein pensionierter Turnlehrer in Kyoto sieht oder sah darin seine Aufgabe. Kaufleute, Ärzte und Juristen treffen sich dort zweimal die Woche, um zu üben. Wegen der langen Röcke kann der mit Hirschleder überzogene, gefüllte Ball, der übrigens etwa die gleiche Größe wie der Caneball hat, nur mit dem Rist des Fußes geschlagen werden.

Die Spieler waren keine Künstler wie etwa ihre Vorgänger im 17. Jahrhundert, wo ein Rekord von 5158 Kicks aufgestellt wurde. Schließlich ist dies kein Wunder, nachdem die Amateure in Kyoto fast ohne Konkurrenz spielen und eigentlich nur ein schon. dahingegangenes Spiel mühsam konservieren.

Ganz anders in Burma, wo Zehntausende dem Chinlone verfallen sind. Hier wird nicht nur feierlich, aber langweilig der Ball mit dem Rist getreten, sondern fast jeder Teil des Beines wird abwechselnd zum Schlagen des geflochtenen Balles verwandt. Hackentricks, wie sie früher nur ein Fritz Walter beherrschte, sind an der Tagesordnung, aber selbst die Fußsohle wird benutzt – dann wieder ein paarmal der Oberschenkel, wobei der Ball besonders hochgetrieben wird. Das ganze Repertoire wird mit immer neuen Schwierigkeiten vorgeführt. Zwischendurch fängt der Zauberer im gelben Trikot den Ball mit der Schulter auf, dann schleudert er ihn wieder hoch und beginnt erneut mit seinen Variationen, die Schwerkraft zu narren.