Von Petra Kipphoff

Puppen sind Spielzeug und, das lehren das Personalpronomen und die häufigste Erscheinungsform dieses Spielzeugs, weiblichen Geschlechts. Puppen sind nicht nur Kinderspielzeug. Gerade jener männliche Teil der Menschheit, dem dieses Spielobjekt in der Jugend vorenthalten wurde, rettet die frühe Entbehrung gern nachnachträglich bis ins hohe Alter. So schafft sich, auf den Spuren des sagenhaften Zypern-Königs Pygmalion wandelnd, jeder seine eigene schöne Galatea – um dann wie in Shaws "Pygmalion"-Version vor der Realität des im Moment des Funktionierens sich emanzipierenden Wunschbilds zu kapitulieren mit der entsetzten My-Fair-Lady-Frage: "Why can’t a woman be more like a man?"

Die Puppe als Wunschtraum und Alptraum, als höchste Erfüllung und totale Verweigerung, als Inbild und Trugbild einer irritierten männlichen Phantasie, die zwischen der Lust, Beute zu machen und Beute zu sein, hin- und hergerissen ist, kurz, die Inkarnation der Puppe: Das ist Olympia, die schönste Schöpfung der irrlichternden Phantasie E. Th. A. Hoffmanns, in seiner Erzählung "Der Sandmann" zu perfektem Maschinendasein erweckt, von Jacques Offenbach später auf die Opernbühne gebracht.

Olympia, wunderbare Tochter der Romantik, das makellos schöne Ding mit der Spieluhr-Präzision, ohne Verstand und deshalb so geeignet, denselben zu zerstören, ist seit Hoffmann verrottet, vermenschlicht, auf Hoffmann Schmerz-Niveau heruntergekommenen der Sei lagerwelt vergammelt, wo sie vorgestern als Augensternpüppchen und gestern als Zuckerpuppe verramscht, in die Bürgerbehausung eingemeindet wurde. Aber die Frage nach ihr und ihrer Spezies, die so alt ist wie die Gewohnheit des Menschen, sich Abbilder zu machen und Fetische zu schaffen, ist deshalb nicht erledigt, das Thema, das E. Th. A. Hoffmann fast um den Verstand gebracht und die tüchtigeren Menschen unseres Jahrhunderts um ein schönes Geschäft bereichert hat (die "aufblasbare Spielgefährtin ... beweglich, weich, warm" kann man im Versandhandel bestellen), ist ohne Anfang und Ende. Weil der Wunsch des Menschen (und besonders des Mannes), nach einem Optimum an Ergänzung, das zugleich ein Minimum an Komplikationen bedeutet, zu menschlich ist, als daß Ratio oder Empirie dagegen eine Chance hätten. Als das, reichlich stürmische, Zusammenleben von Oskar Kokoschka, und Alma Mahler ein dramatisches Ende fand, ließ Kokoschka sich nach genauen Maßangaben eine Puppe im Alma-Format machen, zog dem Double der fernen Geliebten eigens neu geschneiderte Kleider an und setzte sich, unter anderem, zum gemeinsamen Mahl mit ihr zu Tisch (so jedenfalls erfahren wir es in Alma Mahlers Autobiographie). Die Frau als Ding und das Ding als Frau: Daß man gerade heute heftig versucht, es mit einem neuen Anfang zu einem aufgeklärten Ende zu bringen, ist dem von der Emanzipationsdiskussion umwogten Zeitgenossen kein Geheimnis mehr, eine Ausstellung zum Thema "Die Puppe – Aspekte zum Bild der Frau" kann deshalb nützlich und reizvoll zugleich sein.

Die von Thomas Kempas in Zusammenarbeit mit Solveig Löwel, Eberhard Roters, Katja Schreiber und Rolf Wedewer geplante und im Berliner Haus am Waldsee gezeigte Ausstellung ist mehr und weniger als eine Ausstellung: Sie ist die Illustration eines Standpunkts, ist ein durch das hier versammelte Anschauungsmaterial dokumentierter Hinweis auf bestehende Mißstände und Aufruf zur Veränderung. Die Frau als Ding, Objekt, als Puppe, als Transportmittel der Werbung und Opfer derselben, als Spielzeug und Gebrauchsgegenstand, als ein auf seine Geschlechtsmerkmale reduziertes Un-Wesen: Davon zeugt Tom Wesselmanns "Cut-Out Nude" eben-, so wie Siegfried Neuenhausens "Brustbild VI", Günter Weselers "Quellobjekt" oder Harro Jacobs "Sitting Top Girl". Noch drastischer freilich sind die Lektionen von Allen Jones (seine drei als Sessel, Tisch und Kleiderständer verwendbaren weiblichen Super-Bunnies sind haarscharf kalkuliert auf der Grenze zwischen Sadismus und Masochismus) und Male (das "Bett" dieses jungen Berliner Künstlers besteht aus einer weißen, glatten Fläche, aus der sich weibliche Geschlechtsteile herauswölben).

Die These dieser Ausstellung, die durch zitatengespickte Katalogtexte einerseits und die Einbeziehung von Werbephotos und Texten andererseits über den Kunstrahmen hinaus belegt wird, ist so deutlich wie eindeutig: Sie bedarf keiner Diskussion und verdient alle Unterstützung. Die Frage ist nur, ob sie nicht intensiver und differenzierter vertreten werden könnte.

So fehlt einem zum Beispiel die berühmteste aller modernen Puppen, Hans Bellmers weiblicher Doppeltorso, es fehlen einem bei so viel schriftlicher Gebrauchsanleitung und Interpretation im Katalog und an den Wänden Bellmers Texte zu diesem Thema. Der Propagandalinie dieser Ausstellung hätte Bellmer, für den das Thema Frau persönlicher und universeller zugleich ist, allerdings wenig geholfen. Zu den im Ausstellungs-Untertitel genannten "Aspekten zum Bild der Frau" hätte er freilich mehr beigetragen als die Strumpfhosenreklame der Firma X, die genau das gleiche belegt wie die Strumpfhosenreklame der Firma Y.