Das Bemerkenswerteste an der Bonner Mitgliederversammlung des Verbands Deutscher Studentenschaften (VDS) ist, daß sie keine Überraschungen gebracht hat. Der im vergangenen November in Marburg eingeschlagene Weg fort von einem „sozialistischen Kampfverband“ zu einem Verband mit „gewerkschaftlicher Orientierung führt wieder nach oben. Der VDS hat sich konsolidiert.

Die organisatorische Festigung drückt sich in der Rückkehr von zehn weiteren Studentenvertretungen aus, unter ihnen Studentenausschüsse, die der als Konkurrentin gedachten, inzwischen aber als Dachverband zusammengebrochenen Arbeitsgemeinschaft deutscher Studentenschaften angehören. Nach der Rechnung, die der Vorstand aufmacht, sind im VDS jetzt wieder 90 Prozent der westdeutschen Studenten vertreten.

Die politische Konsolidierung zeigt sich, darin, daß das Bündnis zwischen dem Sozialdemokratischen Hochschulbund und den der DKP nahestehenden Spartakisten funktioniert. In Bonn verfügten beide über eine solide Mehrheit von annähernd zwei Dritteln. Wenngleich sie keineswegs in allen Punkten einer Meinung sind, so gab es prinzipielle Auseinandersetzungen doch nur mit den Marxisten-Leninisten, die als Verfechter der reinen sozialistischen Lehre SHB und Spartakus des Revisionismus bezichtigten.

Kennzeichnend für die politische Konsolidierung ist auch, daß sowohl der Bericht des scheidenden Vorstands wie das neue Aktionsprogramm schon nach verhältnismäßig kurzer Debatte gebilligt wurden. Ebenso ist der in Marburg gezimmerte Proporz beibehalten worden: Auch im neuen Vorstand sitzen gleichberechtigt drei Abgesandte des SHB und ein Vertreter der Spartakisten.

Schließlich das Programm: Bei aller Betonung der Notwendigkeit gesamtgesellschaftlicher Veränderungen wird der VDS sich wieder auf die Bildungs- und Sozialpolitik konzentrieren. Dabei soll der Kampf gegen den Bildungsgesamtplan und das Hochschulrahmengesetz als Ausdruck des Dirigismus durch Staat und Spätkapitalismus im Vordergrund stehen. Doch ein beträchtlicher Teil der Anträge galt auch so konkreten Einzelheiten wie der studentischen Krankenversicherung, der Wohnungsmisere oder dem Fernstudium.

Freilich wäre es ein Irrtum, aus der Hinwendung zu solchen Details zu schließen, daß der grundsätzliche Dissens schrumpfe. Vom politischen „Establishment“ der Bundesrepublik ist der VDS nach wie vor meilenweit entfernt. Zu der Verschwörung von rechts rechnet er nicht nur die Industrie, die CDU/CSU und den Bund „Freiheit der Wissenschaft“, sondern auch Teile der Regierung. Im neuen Aktionsprogramm erscheint die SPD als Feigenblatt für die Interessen des Monopolkapitals und des Imperialismus. Allerdings sind diese Passagen so formuliert, als müßten die Sozialdemokraten vor den Reaktionären in den eigenen Reihen bewahrt werden.

Da meint man die Nachtigall trapsen zu hören, die vom Staat doch gerne wieder Geld hätte. Nachdem sie ihr Interesse an einem einigermaßen repräsentativen studentischen Gesprächspartner bekundet hat, kann die Regierung jetzt in der Tat die Entscheidung nicht mehr auf die lange Bank schieben, ob sie den Finanzierungsstopp für den VDS wieder aufheben will oder nicht. Die entschiedene, neomarxistisch bestimmte Kritik der Studenten an dieser Gesellschaft, dem Staat und seiner Regierung braucht sie dabei weniger zu stören. Was sie mit Fug und Recht vom VDS verlangen kann, ist eine Differenzierung seiner pauschalen Standpunkte. In Bonn ist sie ausgeblieben. Carl-Christian Kaiser