Zur "Woche der Brüderlichkeit" hielt Bundeskanzler Brandt eine Rede, in der er unter anderem sagte:

"Wer heute über Menschenrechte spricht, der sollte zunächst einmal bei sich selbst, in seiner näheren Umgebung, in seinem eigenen Lande anfangen. Ich war und bin gegen die Neigung zum Eskapismus, auf die man gerade bei an sich intelligenten jüngeren Menschen immer wieder stößt. Das heißt: Ich bin gegen den Zeigefinger, der – nach einem wohlbegründeten Hinweis des damaligen Justizministers und heutigen Bundespräsidenten – vergessen läßt, wieviel Finger dabei auf uns selbst gerichtet bleiben. Ich bin gegen die Selbstgerechtigkeit, um die es sich allzu oft und allzu leicht handelt, wenn fremde und ferne Länder kritisch unter die Lupe genommen werden. "Charity begins at home" – auch mit den Menschenrechten fängt es zu Hause an...

In diesem Land arbeiten über zwei Millionen Menschen anderer Sprache und anderer Nationalität. Auch sie sind eine Minderheit, keine ansässige und verwurzelte, sondern eine fluktuierende. Das macht die Frage nicht leichter: Sie geraten um so eher in Gefahr, als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden. Man betrachtet sie zunächst als eine Energiequelle, auf deren Leistung unsere Wirtschaft nicht zu verzichten vermag ...

Ich sage jedem, den es angeht: Wir dürfen es nicht zulassen, daß sich diese Gesellschaft eine Art Leihproletariat für mindere Arbeiten schafft. Wir dürfen nicht dulden, daß die Sprachdifferenz zur Klassendifferenz wird. Unsere freiheitliche Grundordnung darf nicht auf einem Auge blind werden, wenn der schwächere Sozialpartner italienisch, serbokroatisch, spanisch, griechisch oder türkisch spricht. Hier handelt es sich um konkrete Aufgaben der Volkserziehung und der Erwachsenenbildung. Dabei ist nichts so erzieherisch wie das gute Beispiel ...

Wenn ich als Bundeskanzler zum Thema Menschenrechte und Brüderlichkeit spreche, dann habe ich zunächst daran zu denken, was der Staat tun kann. Toleranz kann sich erst dann wirksam, auch als gesellschaftliche Kraft, entfalten, wenn sie von möglichst vielen geübt wird. Sie kann nicht von oben befohlen werden."