Von Dieter Buhl

Den vormarschierenden südvietnamesischen Truppen gaben die GIs Aufmunterung mit auf den Weg. "In zwei Stunden seid ihr wieder da" und: "Wir werden kommen und euch raushauen", riefen sie. Das war zu Beginn der Operation "Lam Son 719", in den ersten Tagen der Invasion in Laos. Heute, anderthalb Monate danach, macht an der laotisch-vietnamesischen Grenze niemand mehr Witze. Den Amerikanern ist beim Anblick der zurückkehrenden Vietnamesen der Humor vergangen, die Soldaten Thieus lachen schon lange nicht mehr.

Begonnen hatte alles mit dem Optimismus, der Offensiven zu begleiten pflegt. Die Siegesmeldungen Saigons überschlugen sich. Die Beute an Waffen und Nahrungsmitteln wurde nur noch in Tonnen registriert. Die täglichen "body-counts" näherten sich den vierstelligen Zahlen. Bilder von südvietnamesischen Soldaten, die auf dem Ho-Tschi-Minh-Pfad spazierengingen, wurden zu Dokumenten des nahenden Sieges. Und auf einer Pressekonferenz in Washington zitierte Präsident Nixon seinen Oberbefehlshaber in Vietnam, General Creighton W. Abrams: "Die Erfolge zeigen, daß die Südvietnamesen auch allein ‚draufhauen‘ können."

Doch die Illusion vom Zerschlagen des gegnerischen Nachschubs und der bestandenen Feuerprobe der "Vietnamisierung" währte nicht lange. Sie zerbrach etwa einen Monat nach Beginn der Invasion, 40 Kilometer westlich der vietnamesischen Grenze. Bei den Kämpfen um die Stadt Tschepone, einem Knotenpunkt des Ho-Tschi-Minh-Pfades, schlugen die Nordvietnamesen zum erstenmal mit geballter Kraft zurück. Kurz darauf brachen an den verschiedenen Stützpunkten entlang der Route 9, der südvietnamesischen Nachschublinie, erbitterte Kämpfe aus. 35 0000 Nordvietnamesen setzten zum Vernichtungsschlag gegen die 22 000 Soldaten aus dem Süden an, mit massivem Artilleriefeuer und russischen Panzern vom Typ PT-76 und T-54. Für die Bataillone Saigons begann zwar kein zweites Dien Bien Phu, aber ein Dünkirchen im Dschungel.

In kurzen Abständen fielen die Artilleriestellungen und Hubschrauber-Landezonen entlang der Route 9, die inzwischen zur "Hinterhalt-Allee" geworden war. Die Basen mit pseudoromantischen Namen wie "Liz", "Sophia" und "Lolo" wurden fluchtartig aufgegeben. Anfang dieser Woche hielten die Südvietnamesen nur noch drei Stützpunkte auf laotischem Gebiet, wenige Kilometer von der Grenze entfernt, die sie am 8. Februar voller Siegeszuversicht überschritten hatten.

Die Ursachen und die Umstände des Rückzuges waren nicht mehr zu übersehen. Eine journalistische Berichterstattung aus den Kampfgebieten war bereits Ende des vergangenen Monats unmöglich geworden. Es blieben die Augenzeugenberichte der Soldaten und die Analysen aus Saigon und Washington. Sie offenbarten Widersprüche von beinahe tödlicher Ironie.

Als die ersten Flüchtlinge auf der Operationsbasis Khe Sanh eintrafen, stellte der Kommandierende General der südvietnamesischen 1. Division, Brigadegeneral Phan Van Pu, fest: "Diese Soldaten sind bei den Kämpfen inzwischen überflüssig geworden." Doch die Männer, die von den amerikanischen Hubschraubern aus dem Dschungel herausgeholt worden waren, wußten anderes zu berichten. Erschöpft und entnervt widerlegten sie die Feststellung des Stabschefs der amerikanischen Armee, General Westmoreland (er hatte schon 1967 Präsident Johnson eine Invasion in Laos vorgeschlagen), die Bewegungen der südvietnamesischen Soldaten seien nicht als ein Rückzug, sondern als "Umverteilen der Truppe" einzustufen.