Von Hansjakob Stehle

Rom, im März

Die politische Szenerie Italiens verdüstert sich: Nach einem weiteren Linksruck der mitregierenden Sozialisten, nach dem Austritt der Republikaner aus der Regierung und den immer drängenderen Anschlußversuchen der Kommunisten nach rechts, gerät die Regierung des Christlichen Demokraten Colombo mit ihrer Reformpolitik in Bedrängnis. Ihre magische Formel von der "linken Mitte" wird immer mehr ausgehöhlt. Dem Druck von links, der durch die Forderungen der drei großen Gewerkschaftsverbände nach radikaleren Sozialreformen noch verstärkt wird, kann sie nicht nachgeben, ohne zugleich den Kommunisten weiteres Feld zu überlassen.

Nach rechts aber kann sie nicht ausweichen, weil sich dort nur jene faschistoiden "Ordnungskräfte" anbieten, deren Rezept nicht Stärkung, sondern Tod der geschwächten Demokratie heißt. In dieser krisenhaften Lage vergrößerte das operettenhaft anmutende Komplott der "Nationalen Front" des Fürsten Borghese, das jetzt in Rom aufgedeckt wurde, und an sich kaum ernst zu nehmen wäre, die Gefahr der innenpolitischen Polarisierung und signalisierte katastrophale Möglichkeiten.

Die Hauptfigur der Verschwörung, der fünfundsechzigjährige Borghese, hochdekorierter Haudegen mit SS-Mentalität und entsprechender Vergangenheit, hat in der Nacht vom 7. zum 8. Dezember letzten Jahres etwa fünfhundert – die Hälfte – seiner Anhänger versammelt, um durch einen Handstreich Roms Regierungszentralen zu besetzen und um eine Art griechisch-spanisches Regime von eigenen Gnaden zu etablieren. Die dilettantisch angelegte Aktion fiel dann buchstäblich ins Wasser: Als heftige Wolkenbrüche niedergingen, blies sie der "Kommandant" ab; wahrscheinlich auch deshalb, weil damals wegen des bevorstehenden (dann wieder abgesagten) Tito-Besuchs in Rom gerade Polizeiverstärkungen anrückten.

Weniger komisch aber wirkt die Sache, wenn man die in der Wohnung des geflohenen Fürsten gefundenen Papiere betrachtet: Entwürfe für Proklamationen, die er jetzt nur als "literarische Übungen" betrachtet sehen will. Zusammen mit den aufgefundenen Namenslisten von Personen, die er für seine Sympathisanten hielt, beweisen diese Papiere jedoch, daß es keine bloße Prahlerei Borgheses war, wenn er sich in einem Interview vor einiger Zeit damit brüstete, Verbindungen zu Politikern zu haben, "die unter anderem Etikett im Parlament sitzen". Er baue ein "Marktzentrum" auf, sagte er; eine Einladung zum Parteikongreß des neofaschistischen MSI, dessen Ehrenpräsident er einst war und der ihm heute zu zahm erscheint, lehnte er ab: "Es ist keine Zeit zum Reden, sondern zum Handeln."

Hatte dieser Mann, eine Mischung aus Westentaschen-Garibaldi und feudalem Gondoliere, wirklich eine Chance zum Handeln? Ein Staatsstreich von rechts würde heute, anders als 1922, auf den geschlossenen Widerstand der christlichen und sozialistischen, im Antifaschismus geeinten Parteien stoßen; die Waffe des Generalstreiks würde in diesem industriealisierten Land Putschisten wie in Griechenland kaum zum Zuge kommen lassen. Selbst der sozialistische Avanti gab zu, daß die Borghese-Affäre "eine relativ bescheidene Episode" wäre, wenn hinter den zahlenmäßig kleinen Gruppen der außerparlamentarischen Rechten nicht "andere mächtige Kräfte" stünden. Dies freilich unterscheidet sie von der außerparlamentarischen Linken, die keinen gesellschaftlichen Rückhalt besitzt, schon gar nicht bei den Kommunisten.