Von Marcel Reich-Ranicki

Ein wichtiges und lange verkanntes Werk der amerikanischen Literatur unseres Jahrhunderts – das etwa ist der Ruf, der diesem Buch –

Henry Roth: "Nenne es Schlaf" (Originaltitel: "Call it sleep"), aus dem Amerikanischen von Curt Meyer-Clason; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 480 S., 28,– DM

– schon seit einiger Zeit vorausgeht. Es erschien 1934, soll zwar nicht unbemerkt geblieben sein, geriet jedoch bald in Vergessenheit, und erst eine etwa dreißig Jahre später veranstaltete Neuauflage machte den Autor, der sich von der Literatur längst abgewandt hatte, plötzlich berühmt. Sowohl das ursprüngliche Fiasko als auch die Rehabilitierung scheinen triftige, wenn auch nicht immer literarische Gründe zu haben.

Henry Roth (er ist weder mit dem Amerikaner Philip Roth, dem Verfasser von "Portnoys Beschwerden", noch gar mit dem großen deutschen Prosaisten Joseph Roth, mit dem Humoristen Eugen Roth oder den ungezählten anderen schreibenden Roths zu verwechseln) wurde 1906 in Galizien geboren und kam als kleines Kind nach New York. An dem Buch "Nenne es Schlaf" begann er 1929 zu arbeiten. Wenige Jahre vorher hatte Dos Passos die New Yorker Slum-Viertel für die Literatur entdeckt. Dort spielt auch der Roman von Henry Roth, nur daß er sich ganz auf die von jüdischen Einwanderern aus Osteuropa bewohnten Stadtteile beschränkt.

Er erzählt die Geschichte eines Jungen namens David und seiner Eltern. Der jähzornige und stets krakeelende Vater muß zwar, wie Scholem Alejchems Tewje, täglich Milchflaschen austragen, repräsentiert aber einen eher in der amerikanischen Prosa sehr beliebten Typ: den hoffnungslosen Versager, der im Land des Erfolgs immer nur Mißerfolge hat. Die aufopferungsvolle und allzu besorgte Mutter, die diesmal ihrer Jugend in Galizien nachtrauert, gehört zum bewährten Personal nahezu aller Romane, die das jüdische Leben darstellen.

Auch die anderen Figuren von Henry Roth muten – jedenfalls heute – recht klischeehaft an: die geschäftige und abstoßende Tante, die sich einen tölpelhaften Mann ergattert, der gemeine Lehrer, der seine Schüler geradezu sadistisch behandelt, die vernachlässigten und zum Teil verkommenen Proletarierkinder, die aufdringlichen Nachbarn.