Nach, neun Monaten ist Argentiniens Präsident Roberto Marcelo Levingston von der Militärjunta, die ihn am 13. Juni 1970 in das höchste Staatsamt gebracht hatte, am Dienstag wieder abgesetzt worden. Die Junta kündigte an, daß sie die Macht in die eigene Hand nehme, „bis die argentinische Revolution vollendet“ sei.

Es begann mit einem taktischen Fehler des Präsidenten, der in der industriereichen und traditionell unruhigen Provinz Cordoba einen konservativen Gouverneur einsetzte. Die örtlichen Gewerkschaften riefen einen Generalstreik aus, den die Armee nach zwei Wochen blutig niederschlug.

Dennoch beschuldigte Levingston den Stabschef des Heeres, General Alejandro Lanusse, nicht hart genug durchgegriffen zu haben, und entließ ihn am Montag. Die Teilstreitkräfte verweigerten jedoch Lanusses Nachfolger den Gehorsam, der nach wenigen Stunden resignierte und das Kommando noch am gleichen Tag offiziell an Lanusse zurückgab. Levingston mußte sich daraufhin dem Ultimatum der Generale beugen.

Die Ursachen für den Macht Wechsel liegen tiefer. Im Mai 1969 waren in Cordoba schwere soziale Unruhen ausgebrochen, die der damalige Präsident Ongania nicht meistern konnte. Lanusse stürzte ihn im Juni 1970 und brachte Levingston auf den Präsidentenstuhl.

Doch die Absichten beider Männer gingen auseinander. Der als liberal geltende Lanusse verlangte möglichst rasch Rückkehr zu demokratischen Zuständen. Levingstons Ankündigung dagegen, frühestens in vier Jahren erst sei an Wahlen zu denken, verschärfte die Opposition der zwar verbotenen, aber lebendigen Parteien und vor allem der Gewerkschaften. Sie werden stark von Peronisten beherrscht und legen dem seit 1966 amtierenden Militärregime auf jede Weise Steine in den Weg.

Erschwerend trat hinzu, daß die unter Ongania erreichte relative Stabilisierung von Geldwert und Wirtschaft unter Levingstons neuem, inflationären, argentinisch-nationalistischen Wirtschaftskurs verlorenging. Im Vorjahr stiegen die Preise um 22 Prozent, allein im Januar 1971 um fünf Prozent.

Zur Zeit verhandeln die paritätischen Kommissionen von Arbeitgebern und Gewerkschaften. Die Arbeitnehmer verlangen in Einzelfällen bis zu 300 Prozent Lohnerhöhungen; die Regierung möchte allenfalls 20. Prozent zugestehen. Eine Reihe von personellen Fehlbesetzungen und Neubesetzungen verschärften die Krise. Der Präsident mußte sich zunehmend Kritik, an seiner Wirtschaftspolitik gefallen lassen.

Dabei hatte er noch vor wenigen Monaten seine Position gegenüber der Junta stärken können. Aber der Kampf zwischen den Liberalen und den Konservativen, die eine Art brasilianischer Entwicklungsdiktatur befürworten, untergrub die Stellung der Militärs. Levingston scheute sich zu lange, klar Stellung zu beziehen. Für Argentiniens wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte er kein überzeugendes Programm der Abhilfe. Die permanente Lohn-Preis-Krise führte in Cordoba zu neuen Unruhen und damit in direkter Linie zu Levingstons Sturz.