Hamburg

Über die Schwierigkeiten von Journalen und Journalisten wollte man sprechen, über das Selbstverständnis der Journalisten „zwischen Vermessenheit und Vergeblichkeit“ ihres Tuns; aber Werner Höfers Schlußwort wurde das Motto dieses ganzen Jubiläums-Frühschoppens: „Nichts langweilt das Publikum so sehr wie solche kollegialen Intimitäten.“ Denn nur um die ging es, selbstgefällig, eitel, gewichtig und zähflüssig vorgetragen. Und als sich am Ende Höfer nicht zu schade war, die berühmte Troller-Frage „Sind Sie glücklich?“ zu variieren und die Dame und die Herren tatsächlich nach dem „schönsten Augenblick Ihrer journalistischen Karriere“ abfragte, da war die Grenze zur Schmiere völlig dahin. Nur diesmal?

Tausendmal im Hörfunk und neunhundertundvierzehnmal im Fernsehen der „Internationale Frühschoppen mit sechs Journalisten aus fünf Ländern“ bei dem „Gastgeber“ Werner Höfer: Eine der erfolgreichsten Sendungen der Welt, Studienobjekt und Vorbild für die Anstalten vieler anderer Länder. Ein Mythos und eine Institution, ein allwöchentlich vor den Ohren und den Augen von Millionen zelebrierter Festakt, den der gute Deutsche scheinbar als Entree zum Sonntagsbraten braucht wie die Vietnam-Toten in der Tagesschau zur Verdauung des Abendessens.

Der Frühschoppen erfüllt offensichtlich eine wesentliche Funktion in der Psychologie des bundesbürgerlichen Sonntags: Die Zuhörer und Zuschauer leisten ihren politischen Informationsdienst in der träge-gemütlichen Hausschuh-Passivität des Sonntagmittag ab, sie dürfen es beruhigt dem erlauchten Kreis redender Fachleute überlassen, sich Gedanken zu machen. Sie erfahren nicht gerade sensationelle Neuigkeiten, sie hören nicht das Urteil von Experten zu aktuellen Fragen, sie bekommen nicht die kritische, umfassende Analyse eines Problems vorgesetzt – aber daran haben sie sich längst gewöhnt, und das will diese Runde auch gar nicht. Hier bleibt alles sonntäglich, friedlich und arglos, ein netter Plausch, ein Kammerkonzert, und Werner Höfers sonorer Baß ist das vertraute, verläßliche Leitmotiv darin.

Manchmal hat es doch etwas Ärger gegeben: um die echten Rhein- oder Moselgläser, die nicht ins Bild passen wollten, um einen Herrn aus Indien, der beinahe handgreiflich wurde, um zu feurige Araber und Israeli oder um den allzu schulmeisterlichen, allzu autoritären Gastgeber. Aber das blieben Ausnahmen. Der Grundakkord heißt nett, jovial, honorig.

Warum ist diese Sendung eigentlich immer so wenig konkret (vom letzten Sonntag einmal abgesehen, so schlimm ist es nicht immer), warum, bleibt alles so oberflächlich, unverbindlich und steril, warum erscheinen hier selbst heiße Eisen nur mehr lauwarm, warum erheben sich selbst längere Monologe fast nie über das allgemeine Leitartikel-Wischiwaschi, warum entstehen hier nie echte Dialoge und Auseinandersetzungen? Zunächst einmal: weil Journalisten meist vorsichtige Menschen sind, zumal als Ausländer Rücksichten nehmen müssen, ihren Status akkreditierter Berichterstatter in diesem Land nicht aufs Spiel setzen wollen; und auch, weil es leider viele von ihnen als zu ihrem Beruf gehörig betrachten, viel über Themen sagen zu können, die einem nicht so geläufig sind oder auf die man sich nicht vorbereitet hat, das heißt also, mit vielen Worten nichts zu sagen. Der Frühschoppen ist ein wahrer Grundkursus in dieser Kunst.

Der andere Grund: Werner Höfers ungeheuer routinierte, liebenswürdige, seriöse, faire, nette, eloquente Gesprächsleitung, deren oberste Maxime offensichtlich darin besteht, Konkretes zu verplaudern. Wehe, es entwickelt sich ein wirklicher Dialog, wehe, der sture Ritus des Reihum-Abfragens wird gestört und das Gespräch entzieht sich ein wenig seiner Obhut, wehe, jemand macht sich selbständig, geht ins Detail und in die Tiefe: Sofort ist er dazwischen, unterbricht rigoros, gemahnt an Zeit und Thema, führt globaljovial-kollegial zu seinen eigenen Vorstellungen zurück.