Von Stanley Kaufmann

Am „heißesten“ auf dem New Yorker Theatermarkt werden zur Zeit Eintrittskarten für Shakespeare gehandelt. Schwarzhändler dieser Branche kassieren 50 Dollar für zwei Karten zu Peter Brooks Inszenierung des „Sommernachtstraums“, aufgeführt von der Royal Shakespeare Company. Die Londoner haben die Stadt im Sturm erobert. Selbst Leute, denen Shakespeare sonst nur vornehme Langeweile bedeutet, kommen in Scharen und haben hinterher kein anderes Gesprächsthema.

Zum einen ist das Ereignis einfach en vogue: Die Inszenierung wurde von den Kritikern begeistert aufgenommen, es ist also chic, sie gut zu finden. Zum anderen ist gar kein Zweifel, daß Brook den „Sommernachtstraum“ mit einem optischen Reiz und einer Lebendigkeit inszeniert hat, wie man das bei orthodoxen Shakespeare-Aufführungen selten findet.

Und das führt zu einem interessanten Paradoxon. In der Szene ist die Aufführung nahezu ketzerisch. Statt des Athener Hofes und des Zauberwaldes bietet Brooks Bühnenbild in der Hauptsache drei hohe weiße Wände; es ist hell, sogar nachts im Wald, und die Elfen schwingen an Trapezen.

Aber fürs Ohr ist diese Aufführung im Grunde nach klassischen Mustern gemacht. Die Verse werden in solider englischer Theatertradition vorgetragen, klar und im Zeilenmaß, und die Narrenszenen spielt man so, wie sie vermutlich schon seit Jahrhunderten gespielt worden sind.

Auf der einen Seite also greift Brook die schleierwehende Auffassung an, die das 19. Jahrhundert von dem Stück hatte (einziges Mendelssohn-Fragment sind ein paar Takte „Hochzeitsmarsch“, wenn Titania und Bottom sich schlafen legen!). Auf der anderen Seite verarbeitet er den Text auf recht konventionelle Weise (wenn auch ausgezeichnet). Wir erkennen die verschiedenartigen Elemente, jedes in sich nützlich, aber sie bleiben verschiedenartig. Was fehlt, ist eine Synthese der beiden, eine Begründung für diesen Konflikt. Als Brook in seiner berühmten Lear-Inszenierung eine ähnliche Trennung vornahm – ob sie nun gefiel oder nicht –, wurde sein Bestreben, Beckett-Töne hineinzubringen, sichtbar. Hier gibt es eine solche Synthese nicht. Wir hören eine Aufführung, und wir sehen eine andere – beide faszinierend.