Von Jean Améry

Frankreich begeht „L’année Marcel Proust“, eine Reihe von Veranstaltungen sind vorgesehen – es wird an feierlicher Eloquenz so wenig fehlen wie an Gelehrsamkeit. Die Bundesrepublik Deutschland hätte manchen Grund, ein Heinrich-Mann-Jahr zu verkünden. Von nichts dergleichen hat man bislang vernommen. Nur ein Festakt in Lübeck ist von der Berliner Akademie der Künste geplant. Dafürkonnte jedermann im Spiegel lesen, es sei Heinrich Mann der neuen Generation bestenfalls noch als der Bruder des Bruders bekannt.

Man mag Gedenktage überhaupt als pietätvollen Plunder ansehen, es läßt sich verteidigen. Verzichtet man aber nicht auf die sinnfällige geistesgeschichtliche Gliederung der Zeit, dann ist der 27. März, der Tag, an dem vor einem Jahrhundert in einem Lübecker Patrizierhaus einer der ersten deutschen Schriftsteller seiner Zeit geboren wurde, als festliche Markierung zu setzen – und nicht nur, weil das andere Deutschland seine schwere Hand auf das Ansehen Heinrich Manns gelegt hat.

Vor vierzig Jahren sprach Heinrich Mann im Berliner Rundfunk über Lessing: „Es ist auch nicht vor allem das Werk, das uns, der Nachwelt, vor Augen steht: es ist der Mann ...“ Es gilt das für den zu Feiernden wie für seinen voraufgegangenen Gefährten auf dem Wege des Menschen zu seiner Selbsterhellung. Exemplarisch, wie hier die patrizische Elitegesinnung des Handelsbürgertums sich transponierte in geistige Noblesse. Die sorgsame Pflege des bürgerlichen Gutes wandelte sich in sehende Verachtung des omnipotenten Geldes, dessen Herrschaft jenseits jeder sozialwissenschaftlichen und nationalökonomischen Theorie Heinrich Mann beschrieben hat wie vordem vielleicht nur Balzac und das er aus seinem persönlichen Anspruchskreis ausschloß wie der klassische Bohémien, der er niemals war. Den längst entehrten, vom fleißig und bieder Erarbeiteten aufs spekulierend und schieberisch Ergatterte gekommenen Besitz hat er stolz übersehen. Es war tragisch, aber stimmig, daß Heinrich Mann arm starb: Wer die Mechanismen des Kapitalismus auseinandergelegt hat wie er – vom frühen Roman „Im Schlaraffenland“ bis zum letzten in Deutschland erschienenen sozialkritischen Werk „Ein ernstes Leben“ –, war als Gestalt nur glaubhaft, wenn er sich frei hielt vom immer strebenden Sichbemühen um jene Ansehnlichkeit, hinter der ein Bankkonto steht.

Statt bürgerlicher Ansehnlichkeit war geistiges Ansehen das ihm Zugemessene, prekär freilich auch dieses, denn das sinnige und sinnende Volk der Deutschen hat diesen aus dem Norden gekommenen Wahl-Romanen nie geliebt. Um um war stets nur ein Kreis von Außenseitern. „Reichspräsident Heinrich Mann“: das schlug, wenn ich nicht irre, 1931 in der Weltbühne Kurt Hiller vor; dem Deutschen, auch wo er dichtete und dachte, war ein kolossaler lebender Leichnam in Marschallsuniform lieber, noch ehe die „Arbeiter der Stirn und Faust“ einem Gestörten sich übergaben.

Erst in der französischen Emigration wurde Heinrich Mann gebraucht und mißbraucht für eine Repräsentationsrolle, die ihm so wenig auf den Leib geschrieben war wie die Fürst-Volk-Komödie dem Großherzog Johann-Albrecht in Thomas Manns „Königliche Hoheit“. Anders aber als dieser Herrscher wider Willen im Roman nahm Heinrich Mann die Forderung des Tages als Herausforderung an. Er war zwischen 1933 und 1940 der große Alte Mann des über die Reichsgrenzen in die Freiheit getretenen Deutschland. Nach seiner Weiterwanderung in die USA aber verstummte jeder Lärm um seine Person. Es wurde zum Verzweifeln still – und nach Kriegsende sagte er einmal seinem umworbenen und sehr hoch emporgetragenen Bruder, es sei doch seltsam, daß man ihn, Heinrich Mann, so ganz in Ruhe lasse. Er sprach’s – für mein Gefühl – gerade eben nur mit einer Spur von Bitterkeit aus. Aber nicht ohne resignierte Erleichterung.

Die Noblesse der Gestalt spiegelt sich im Werk. Nicht, daß in diesem alles vortrefflich gewesen wäre, das nicht. „Ich habe“, so steht es in seinem essayistischen Alterswerk „Ein Zeitalter wird besichtigt“, „um oft vollkommen zu sein, zu oft improvisiert, ich widerstand dem Abenteuer nicht genug, im Leben oder Schreiben, die eines sind.“ Aber war nicht vielleicht gerade dieses Schicksalsbereite, Abenteuerliche des Menschen und Schriftstellers seine großartige Besonderheit? Zum Mißvergnügen mancher warf er seine frühen Bücher aufs Papier mit der Achtlosigkeit des Genies: Trotz aller geschmacklichen Unmöglichkeiten sind die „Göttinnen“ genialische Romane, Zeugnisse eines ästhetisch durchbluteten, moralinfreien Moralismus. Das Arioso und das Furioso wurden erst vergleichsweise spät gebändigt: zum erstenmal – in dem demokratischen Bekenntnis- und Enthüllungsroman „Die kleine Stadt“, neun Jahre danach im „Untertan“, diesem „Herbarium des deutschen Mannes“ (Tucholsky), und aufs ergreifendste im späten Meisterwerk, dem „Henri IV“. Keiner hat leidenschaftlicher mit der Sprache gespielt als er. Wenige durchbrachen so kühn die formalen Gefüge. Er löste Sätze auf zu fliehenden sprachlichen Luftspiegelungen. Er vereinte im Roman Erzählung, Dramolett und Film. Er riß das fremde und zugleich ihm ureigene Französisch in seine Prosa und gab ihr damit eine neue Ausdehnung. Man lese das nach im Alterswerk „Der Atem“, von dessen „Greisen-Avantgardismus“ Thomas Mann gesprochen hat. Die Nachkommenden, so versessen sie auch waren auf alles Neue und Unerhörte, stellten sich taub und blind – man begreift nicht, wie es kam.