Prozesse in Prag sind ein Barometer für Gustav Husáks Einfluß. Das Barometer fällt. Die vergangene Woche endete mit der Verurteilung von fünfzehn „trotzkistischen“ Studenten. In dieser Woche muß General Prchlik, der bisher höchstrangige Anhänger Dubčeks, vor dem Militärgericht in Přibam bei Prag erscheinen.

Die Verurteilung der Trotzkisten zu Gefängnis zwischen zwölf Monaten und vier Jahren wegen verbrecherischer Aktionen der Subversion – sie verarbeiteten in geheimer Druckerei linke theoretische Klassiker zu Flugblättern gegen die heutige Prager Praxis – ist ein Skandal. Dieses spektakuläre Verfahren hatte jedoch, verglichen mit der zur Zeit stattfindenden Verhandlung gegen General Prchlik, innenpolitisch kaum Gewicht.

Mit Prchlik ist zum erstenmal ein Reformer wegen seines politischen Handelns vor dem Zeitpunkt der sowjetischen Okkupation angeklagt. Damit ist zumindest ein Präzedenzfall für Prozesse gegen die führenden Politiker von 1968 geschaffen. Bisher hatte es nur Verfahren wegen nachträglicher Kritik an der Invasion gegeben, beispielsweise im Fall des kürzlich zu zwei Jahren Gefängnis verurteilten Fernsehkommentators Skutina.

Prdilik muß sich wegen Aufdeckung von Militärgeheimnissen und Untergrabung der internationalen Beziehungen und der Freundschaft zur Sowjetunion verantworten. Der Grund: Er hatte im Juli 1968 eine kühne, wenngleich politisch nicht kluge Attacke gegen die sowjetische Alleinherrschaft in den Kommandozentralen des Warschauer Paktes geritten. In einer sensationellen Pressekonferenz hatte der General damals auf der Flucht nach vorn laut ausgesprochen, was zu jenem Zeitpunkt auch andere Länder – vor allem Rumänien – im stillen dachten. Prchlik hatte darüber hinaus Angaben über die zur Vorbereitung der Okkupation heimlich in der CSSR verbliebenen sowjetischen Manövertruppen gemacht.

Kein Wunder, daß unter diesen Umständen der populäre General nach der Okkupation langen Verhören ausgesetzt war und sich zeitweilig zweimal in der Woche beim Staatssicherheitsdienst melden mußte. Daß man ihn dennoch nicht verhaftete, und daß es lange genug nicht zum Prozeß kam, ist gewiß ein Verdienst Husáks, der weder dieses Verfahren noch andere Prozesse wollte.

Als der Parteichef im vergangenen Oktober durchsetzte, daß der Prozeß gegen acht prominente Prager Intellektuelle nicht eröffnet wurde, wertete man dies als Beweis seiner gestärkten Position. Damals gelang es ihm auch, einige seiner dogmatischsten Widersacher, wie den tschechischen Innenminister Groesser und General Rytiř, loszuwerden. Doch seit dem ZK-Plenum im Dezember scheint Husák gezwungen zu sein, selbst einen härteren Kurs einzuschlagen, um sich zu halten. Es war nämlich jenes Plenum gewesen, das die „Lehren aus der Krisenentwicklung“ gezogen hatte, mit denen „Tausenden Kommunisten“ bescheinigt wird, daß sie die Sowjetunion mit Recht zur „brüderlichen Hilfe“ ins Land riefen.

Diese parteioffizielle Anerkennung der These vom Hilferuf hat Husák in die Zwickmühle gebracht. Wohl können seine härtesten Opponenten wie Indra und Kapek sich mit dieser These öffentlich identifizieren, aber wenn Husák dies täte, würde er damit zugleich eingestehen, daß er 1968 die Lage falsch einschätzte, als er die Okkupation ein „tragisches Mißverständnis“ nannte. Offenbar hat nur ein Kompromiß Husák aus der Zwickmühle geholfen: Die These vom Hilferuf wird vorerst nicht weiter hochgespielt, und der Parteichef läßt dafür den „Normalisierungsprozeß“ nicht allmählich auslaufen, sondern führt ihn härter, als er selbst wünscht, weiter.