Zwei Weisen, Physik zu studieren, sehe ich für Jochen Jaworski, den Bergarbeitersohn aus Bottrop. Er hat das Gymnasium mit einmal Sitzenbleiben geschafft, eine bewundernswerte Leistung. Naturwissenschaften und Mathematik hat er schon auf der Schule als Schwerpunkt gehabt. So könnte er auch die eine Stüdienweise, die herkömmliche, gerade noch schaffen: Jochen immatrikuliert sich in Bochum oder Münster, vielleicht auch in Aachen oder Dortmund, wenn ihm das Schulmäßige, Technische mehr liegt. Planmäßig folgen die Vorlesungen, Übungen und Praktika aufeinander, zuerst viel Mathematik, zum Schluß die Diplomarbeit. Dort erscheint ihm auf einmal das bisher Gelernte recht unsinnig, und dafür tritt der Umgang mit Transistorschaltungen in den Vordergrund. , Das fällt Jochen wieder leichter, und er fragt rückblickend, ob es nicht eine vernünftigere Art zu studieren gegeben hätte.

Im Beruf stoßen Jochen diese Fragen dauernd wieder auf. Er hat zwar "die Physik" studiert, aber er kann noch gar nicht damit utogehen. Mit Kollegen aus anderen Wissensbereichen kommt er kaum ins Gespräch, weil er ihre Sprache nicht versteht, wenn es nicht gerade um Ferienpläne oder Betriebsklatsch geht. Und droht einmal ein Berufswechsel (was auch Physikern heute passieren kann), dann ist er wehrlos. Er hat nichts anderes.

Um der Befriedigung am Studium, um der beruflichen Mobilität und um der Gesprächsfreüdigkeit mit Kolkgen willen, wünschte ich ihrri, daß er die Gelegenheit gehabt und wahrgenommen hätte, an einer Baukasten Gesamthochschule zu studieren. Das wäre die zweite Art, wie man Physiker werden könnte. Ich versuche im folgenden, das Baukastensystem, das bisher erst in Ansätzen existiert, so zu schildern, wie es Jochen Jaworski erleben würde.

Als Physikstudent kommt Jochen zuerst obligatorisch in eine etwa zehn Wochen dauernde Veranstaltung, die immer nur vormittags läuft, die sogenannte "Methoden Einheit Physik". In dieser Einheit geht es darum, daß der Student einen Überblick über die Stellung des von ihm gewählten Faches in der Gesellschaft und in den Wissenschaften gewinnt, daß er erste Eindrücke von der gedanklichen Struktur seiner künftigen Arbeit sammelt und daß er die verfügbaren Lehrmittel (Bücher, audiovisuelle Mittel, Zeitungen und Periodika) benutzen lernt. Fast automatisch ergibt sich dabei der Zwang zur Zusammenarbeit mit anderen Studenten. Das Teamwork wird auch Jochens Studium und späteren Beruf bestimmen.

Wenn nicht schon früher, dann ist Jochen Jaworski spätestens jetzt in der Lage, mit einem Studienberater sinnvoll darüber zu sprechen, wie er es anfangen soll, sein Studienmenü im Baukastensystem zusammenzustellen. Im Universitätsverzeichnis werden lauter "Einheiten" angeboten, die in jedem Fach nach sechs bis acht "Grundgesichtspunkten" des Faches geordnet sind. Aus schriftlichen Studienführern oder vom Berater erfährt Jochen, daß er in den ersten drei Jahren außer der Methoden Einheit sechs Einheiten im Hauptfach, drei in Hilfs- und Nachbarwissenschaften und drei in ganz anderen Gebieten wählen soll.

Die Einheiten dauern meist etwa fünf Wochen, und zwar ganztägig, oder die doppelte Zeit halbtägig. Das wirkt sich gut aus: Man hat keine Leerstunden, kein dauerndes Hin und Her, man kann sich auf die Arbeit konzentrieren und kann sich in den fünf Wochen in die Sprache des betreffenden Gebiets einhören. Und vor allem ist es jetzt auch technisch organisatorisch endlich möglich, in andere Fächer hineinzukommen. Nur etwa die halbe Zeit der drei Jahre wird durch die 13 Einheiten des Studenten ausgefüllt, obwohl die Universität ganzjährig in Betrieb ist. So können im Durchschnitt auf jedem "Studienplatz" immer zwei Studenten studieren (räumlich gesehen).

Jochen sieht sich die "Grundgesichtspunkte Physik" an. Sie heißen etwa: 1Elektrodynamik, Optik; 2. Festkörper, Mechanik, Statistische Mechanik; 3. Atom- und Kernphysik; 4. Quantentheorie; 5. Physikalisches Denken an einfachen Beispielen: 6. Technische und Präzisionsphysik. Außer bei der Quantentheorie ist nirgends ausdrücklich gesagt, ob experimentell oder theoretisch vorgegangen wird — meist wird eine Mischung von beidem angestrebt. Jede Einheit behandelt mindestens einen, oft auch zwei oder drei Grundgesichtspunkte systematisch, und Jochen ist gehalten, seine sechs Hauptfach Einheiten so zu wählen, daß jeder Grundgesichtspunkt einmal dran ist.