Eine völlig veränderte Atmosphäre“ – das war der Titel einer Analyse der Stimmung im Bundesgebiet im Sommer 1969, wenige Wochen vor der Bundestagswahl. Viele Symptome kündigten damals den Umbruch vom Herbst an. „Eine völlig veränderte Atmosphäre“ – so kann man auch heute in den ersten Monaten des Jahres 1971 eine politische Bevölkerungsdiagnose überschreiben.

Wenn man die gegenwärtige Situation analysieren will, muß man verhältnismäßig weit ausholen. Man kann nicht erst mit 1969 einsetzen. In der Mitte der sechziger Jahre bahnte sich eine eigenartige und beunruhigende Entwicklung an. Wir beobachten, wie in ganz verschiedenen Bereichen – in der Deutschlandpolitik, der Wirtschaftspolitik – die Kluft zwischen den vorherrschenden Wünschen der Bevölkerung und der Hoffnung auf eine Verwirklichung immer größer wurde.

  • In der Frage der Oder-Neiße-Linie blieb die Mehrheit der Bevölkerung dabei, wir sollten uns mit ihr nicht abfinden, drei Fünftel (59 Prozent) vertraten noch 1964 diese Ansicht. Zugleich aber verminderte sich rasch der Glaube, Schlesien, Pommern und Ostpreußen würden noch einmal zu Deutschland gehören (1953: 66 Prozent, 1959: 35 Prozent, 1965: 28 Prozent).
  • Die Wiedervereinigung blieb vom Anfang der fünfziger Jahre bis zur Mitte der sechziger Jahre für die Bevölkerung fast ununterbrochen die wichtigste politische Frage, nur gelegentlich durch Kriegsfurcht oder wirtschaftliche Krisenzeichen zurückgedrängt. Im Januar 1965 antworteten mehr Menschen als je vorher (47 Prozent) auf die Frage „Was halten Sie für die wichtigste Frage, mit der man sich heute in Westdeutschland allgemein beschäftigen sollte?“, die wichtigste Frage sei die Wiedervereinigung. Zugleich aber nahmen unaufhaltsam die Stimmen zu, die an eine Wiedervereinigung auf friedlichem Wege nicht mehr glaubten. (1955: 19 Prozent, 1960: 32 Prozent, 1961: 45 Prozent.)
  • Das Verlangen nach Preisstabilität verspürt stets die ganze Bevölkerung. Aber immer mehr Menschen lernten bis zur Mitte der sechziger Jahre, daß die Preise steigen würden. Auf die Frage „Glauben Sie, daß die Preise im nächsten Vierteljahr steigen oder fallen oder daß sie gleichbleiben werden?“ antworteten vor sechs Jahren 65 Prozent: „Die Preise werden steigen.“

Was sind die sozialpsychologischen Folgen, wenn Wunsch und Wirklichkeit zunehmend auseinanderrücken, wenn die Ziele der Bevölkerung zunehmend unerreichbarer werden? Wahrscheinlich beginnt – zunächst vielleicht unbewußt – eine Suche nach Alternativen. Es wächst das Verlangen nach politischer Veränderung. Bis zum Sommer 1969 nahmen die Anzeichen dafür zu. Dennoch erwarteten die meisten Bürger, es werde nach den Bundestagswahlen weitergehen wie bisher. Man rechnete mit einer Fortsetzung der Großen Koalition. Als statt dessen im Oktober die Regierung der SPD/FDP gebildet wurde, war das für die Mehrheit der Bevölkerung, soweit wir sehen können, kein Schock (wie es eigentlich normal wäre, wenn die stärkste Partei, der Wahlsieger, nicht die Regierung übernimmt), sondern eher eine Erleichterung – etwa in dem Sinne, es könnte jetzt vielleicht ein Ausweg aus der festgefahrenen Lage gefunden werden.

In der Folge wurde die Szene beherrscht von der Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel. Wie steht die Bevölkerung zu dieser Politik? Muß die Regierung ihren Kurs gegen eine widerstrebende, nationalen Verrat fürchtende Bevölkerung mühsam durchsetzen? Muß sie fürchten, darüber eines Tages sogar gestürzt zu werden?

Erstaunlicherweise trifft viel eher das Gegenteil zu. Nicht, daß sich die Fronten in der Anerkennungsfrage schon nennenswert verschoben haben. Befürworter und Gegner einer Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und einer Anerkennung der DDR sind zahlenmäßig fast gleich stark. Man kann von einer wirklichen Spaltung der Bevölkerung in diesen Fragen sprechen. Für die Anerkennung der DDR als zweiten deutschen Staat waren im Januar 1971 44 Prozent, dagegen 43 Prozent; „kommt drauf an“ und unentschieden reagierten 13 Prozent. Dafür‚ daß die Oder-Neiße-Grenze zur endgültigen Grenze Polens erklärt wird, waren im September 1970 35 Prozent, dagegen 32, unentschieden 33 Prozent.

In der Frage der Anerkennung der DDR wie der Oder-Neiße-Grenze finden wir also ein Stimmenverhältnis 1:1. Ein Unterschied besteht nur in der ausgeprägteren Stellungnahme, wenn es um die DDR geht. Dennoch ist mit einem nennenswerten Widerstand der öffentlichen Meinung gegenüber der Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel nicht zu rechnen. Kann man wirklich eine solche Prognose stellen? Darf man sie mit einer solchen Bestimmtheit formulieren?