Daß das schlichte und ungekünstelte Erzählen vom Nacheinander der Dinge unter Verzicht auf jegliche Errungenschaften der modernen Darstellungs- und Kompositionstechnik immer noch das probateste Mittel des Romanschreibens ist, wenn es um die Schilderung unkomplizierter gesellschaftlicher Verhältnisse und individueller Schicksale geht, wird aufs neue von einem (aus dem Ungarischen übersetzten) Buch bewiesen –

György Kardos: „Die sieben Tage des Abraham Bogatir“, Roman, aus dem Ungarischen von Alexander Lenard; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 300 S., 25,– DM.

Der Roman spielt 1947 – also vor der Gründung des Staates Israel – in Palästina und ist in Ungarn im Jahre des Sechstagekriegs erschienen. Seine Helden sind zumeist noch vor dem Ersten Weltkrieg in das Gelobte Land gekommen, aus Rußland vor allem, dessen Sprache und Traditionen sie immer noch bewahren. In ihrer Jugend hatten diese Menschen unter den schwierigsten Bedingungen in Düngerfabriken oder in der Landwirtschaft arbeiten müssen, um ihr nacktes Dasein zu sichern; während dieser Zeit haben sie jene geduldige Gelassenheit und Toleranz gelernt, die notwendig war, um mit den Arabern zusammen im Frieden zu leben und zu schuften. Erst die englische Kolonialpolitik hat nach Auffassung des Autors aus den Reihen der zweiten und vornehmlich der dritten Generation jene Terrororganisationen auf beiden Seiten entstehen lassen, deren Kämpfe gegeneinander und gegen die Engländer den Anfang aller späteren Zerwürfnisse gebildet haben.

Der Autor trägt hier keineswegs eine „marxistisch-antiimperialistische“ Doktrin vor; er spricht sich nicht nur gegen die damaligen Terrororganisationen, sondern auch gegen die heutigen, ja auch gegen die kommunistischen Jugendbewegungen in aller Welt aus, wenn er seinen Abraham denken läßt: „Du lieber Gott, was wird aus diesen Kindern – und wie viele sind es doch! –, für die sich die Dinge der Welt in fünfzig oder sechzig Behauptungen kondensieren lassen, in rohe und grobe Verallgemeinerungen, für die sie bereit sind zu töten.“

Kardos’ Roman ist ein unparteiisch-objektives Buch – man sollte den Umstand zu würdigen wissen, daß er in Ungarn die Zensur frei passieren konnte; unparteiisch-objektiv ist auch seine Hauptfigur Abraham, eine Abwandlung von Nathan dem Weisen und zugleich vom Mannschen Jaakob, denn seine Neugierde ist ebenso unbegrenzt wie seine Lust am Erzählen von alten Geschichten und an deren Ausschmücken. In einer Umwelt, die aus ihren Fugen zu geraten droht, bleibt er der alte; während die Jugend um ihn mit Pistolen und Handgranaten hantiert und Menschenleben auslöscht, bleibt er auf Ausgleich, das gegenseitige Verständnis bedacht – er praktiziert beides und hofft, daß auch die anderen auf den rechten Weg zurückfinden würden.

Seine Anschauungen erweisen sich freilich als ein tragisches Mißverständnis: Die sieben Tage sind seine letzten, am Ende des Buches wird er von den Engländern umgebracht.

Wie die Epik des Autors von modernen Tendenzen unbeeinflußt blieb, ist auch seine Auffassung vom Tragischen konservativ: Er hält es auch heute noch für möglich und darstellbar, er ist nicht der Meinung, daß heutzutage alles Tragische zwangsweise ins Tragikomische abgleiten müsse. Das Walten des Schicksals führt in seinem Buch mit eherner Konsequenz (das Adjektiv ist hier unumgänglich) zum Untergang.