Entscheiden werden die Gutachter

Von Paul Moor

Karl Kraus hat einmal geschrieben: „Ein Sittlichkeitsprozeß ist die zielbewußte Entwicklung einer individuellen zur allgemeinen Unsittlichkeit, von deren düsterem Grunde sich die erwiesene Schuld des Angeklagten leuchtend abliebt.“ Mit erheblicher Erleichterung konnte man schon nach den ersten Tagen des Revisionsprozesses des 24jährigen Mörders Jürgen Bartsch merken, daß dieses zynische Zitat weniger für den neuen Prozeß gelten würde als für den ersten im Dezember 1967 in Wuppertal.

In den ersten Verhandlungstagen wurde die schon fast unbestrittene Glaubwürdigkeit des vierfachen Kindermörders in ein paar wichtigen Punkten noch gefestigt. Das aber bedeutet zugleich die Vernichtung der Existenz eines 57jährigen katholischen Priesters, der fast sein ganzes Leben als Erzieher der Jugend in einem Internat für Jungen gewirkt hat.

Die Jugendkammer in Düsseldorf, im Gegensatz zu der Jugendkammer in Wuppertal, interessierte sich für die Behauptungen des Angeklagten, daß ein fast unvorstellbarer Sadismus die damaligen Erziehungsmethoden im Don-Bosco-Heim in Marienhausen prägte. Die Behauptungen, die Bartsch zum erstenmal in seinen Briefen aus seiner Einzelzelle machte, gingen so weit, daß man mehrere Einzelheiten bezweifeln mußte. Die Düsseldorfer Kammer hat sich die Mühe gemacht, vier andere frühere Alumnen desselben Heimes als Zeugen vorzuladen. Das Ergebnis dieser Ermittlung glich fast einer rituellen Vernichtung des Priesters Gerhard Pütz, von seinen alles andere als liebenden Schülern „Papü“ genannt.

Zeuge aus Südafrika

In seinen Briefen hatte Jürgen Bartsch dem „guten Hirten“, wie er ihn spöttisch nannte, allerhand vorgeworfen. Er habe die Schüler wahllos verprügelt, bis er Schaum vor dem Mund hatte. Er habe allzugern von Greueltaten der SS gegen Juden erzählt und horrende Photos davon herumgereicht. Er habe „Länderspiele“ veranstaltet, die einen geradezu pathologischen Sadismus deutlich machten. Er habe Jürgen und anderen Schülern von dem schlimmsten Sadisten aller Zeiten, Gilles de Rais, erzählt, dessen Taten als Vorbild für die von Jürgen Bartsch hätten dienen können. Er habe sogar Jürgen Bartsch in sein eigenes Bett genommen und versucht, gegenseitige Masturbation mit ihm zu treiben.