Seit dem berühmten Hamburger "Blauen Gutachten", seit fast einem Vierteljahrhundert also, wird in Deutschland viel von Universitätsreform gesprochen und noch mehr geschrieben. Selbst Fachleute haben inzwischen den Überblick verloren. Interessierte Laien haben alle Hoffnung fahren lassen.

Nicht, daß inzwischen an den Universitäten gar nichts geschehen wäre. Die Studentendemonstrationen vor allem haben einiges in Gang gebracht. Freilich in Frankfurt mehr als in Würzburg, und überall etwas anderes, und vor allem: den Studenten ging es um Fragen der Machtverhältnisse, der persönlichen Strukturen, um Mitbestimmung und Demokratisierung; an der eigentlichen Organisation des Studiums, von den Einführungskursen für Anfänger über den Routinebetrieb von Vorlesungen und Übungen (erweitert allenfalls um "Tutorials") und "Scheinen" und "Testaten", mit erlaubten und unerlaubten, festen und weniger festen Fächerkombinationen, bis hin zu den rigoros genannten und den weniger rigorosen Prüfungen – daran hat sich eigentlich erstaunlich wenig geändert.

Noch immer ist das "Physikum" (bei dem es um nicht eigentlich medizinische Fächer geht) die gefürchtetste Prüfung für künftige Ärzte. Noch immer kann keiner eingehend ("im Hauptfach") Russisch studieren, ohne sich im Altbulgarischen zu bewähren. Noch immer... viele ZEIT-Leser könnten diese Liste verlängern.

Als einen Versuch, diese Routine zu durchbrechen, das Studium einmal wirklich neu zu konzipieren, sehen wir "den Weizsäckerplan", den Modellentwurf eines "Studiums im Baukastensystem".

Wir haben den Biokybernetiker und Bildungsforscher Ernst von Weizsäcker gebeten, seinen Plan am Beispiel eines Physikstudenten zu erläutern.

Dr. von Weizsäcker, Mitglied im SPD-Landesvorstand Baden-Württemberg, ist wissenschaftlicher Referent an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg. Er wirkte mit an dem Gutachten "Integrierte Gesamthochschule Essen – Struktur, Standort, Planungsverfahren" (in dem das Baukastensystem als Möglichkeit ausdrücklich erwähnt wird). Als Mitarbeiter der Heidelberger Arbeitsgruppe für Empirische Bildungsforschung betreibt er die Weiterentwicklung des Baukastensystems.

Bei einer für interessierte Laien bestimmten Darstellung kann es ohne drastische Kürzungen und Vereinfachungen nicht abgehen. Das ist in diesem Fall gut zu vertreten, da wir alle diejenigen, die mehr und Genaueres erfahren möchten, hinweisen können auf das Buch "Baukasten gegen Systemzwänge – Der Weizsäckerhochschulplan", herausgegeben von E. von Weizsäcker, G. Dohmen und H. Th. Jüchter, das im Piper Verlag München demnächst in zweiter Auflage erscheint.

Rudolf Walter Leonhardt