Von Georg Alexander

Letzten Montag lief im ZDF Jean-Luc-Godards Filmkomödie „Eine Frau ist eine Frau“ aus dem Jahre 1960. Die Fernsehanstalten, die Kunst- und Lupe-Kinos schlachten den klassischen und weitgehend akzeptierten Godard bis zu „Weekend“ und „One plus One“ aus. Warum aber seine Filme aus den letzten zwei, drei Jahren nicht mehr zu sehen sind, schildert der folgende Artikel.

Der letzte Film von Jean-Luc Godard, der in deutschen Kinos zu sehen war, war „One plus One“ aus dem Jahre 1968. Seither hat Godard an mehreren Filmen gearbeitet, von denen zumindest sieben in Frankreich, auf einigen internationalen Festivals und in Sonderveranstaltungen (zuletzt bei XSCREEN in Köln) gezeigt wurden. Bis vor drei Jahren etwa war Godard der meistbesprochene, meistbewunderte, meistzitierte „moderne“ Filmregisseur. Seit 1968 aber herrscht Desinteresse.

Es ist dies die Strafaktion gegenüber einem Intellektuellen, der nicht mehr nur „Künstler“ sein, sondern seine individuelle Beunruhigung in allgemeinere Zusammenhänge überführen wollte. Godard hat sich abgewandt von seinem Kunstpublikum, aber ein neues Publikum hat er nicht gefunden.

Nun wäre es ein Mißverständnis, anzunehmen, Godard sei je populär gewesen. Und ein Mißverständnis wäre es, anzunehmen, Godard diente heute „dem Volke“. Er exemplifiziert vielmehr die subjektiv verzweiflungsvolle, objektiv ein wenig lächerliche Stellung des bürgerlichen Intellektuellen, der eine politische Entscheidung trifft – für die Revolution –, sie aber auf Grund seiner ganzen geistig-emotionalen Disposition nicht einlösen kann. Damit erinnert, er an jenes Wort von Benjamin, demzufolge man seine Klasse zwar verraten, aber nicht verlassen kann.

Godard war im Januar zu einem Interview in Köln. Das Treffen klappte erst nach diversen Schwierigkeiten, aber er kam schließlich doch: mager, hustend, mit einem grünen Armeemantel, sehr still, unter dem Arm Mao-Schriften. Nicht gerade vital, aber auch nicht der zerrüttete Denker, von dem gerade zu dieser Zeit Gerüchte besagten, er befände sich in einer Nervenklinik. Richtig scheint zu sein, daß sein vorjähriger Aufenthalt in Palästina ihn physisch strapaziert hat und daß ihn die Probleme seiner Arbeit auch psychisch belasten. An seinem Film über und für die arabische Guerilla schneidet er seit mehreren Monaten, und die Verzögerung hat auf Seiten der Al Fatah bereits zu Verstimmungen geführt.

Godard macht es sich schwerer als die meisten militanten Filmmacher: Er will keine politischen Filme machen, sondern Filme politisch machen. Er betont diesen Unterschied. Und er redet meist nicht einmal vom „Film“, sondern von den „Bildern und Tönen“, die es zu organisieren gelte. Er hat ein 39-Punkte-Programm aufgestellt, in dem es unter anderem heißt: „Einen Film politisch zu machen bedeutet, Bilder und Töne als Zähne und Lippen zu benutzen, um mit ihnen zu beißen.“