„Ne Alkoholfahne wie’n Heiligenschein“ hieß die Reportage von Ernst Klee in der ZEIT Nr. 14/1970. Für eine Arbeit über das gleiche Thema erhielt er jetzt einen wichtigen Rundfunkpreis. Doch die Freude ist getrübt:

Im Januar 1970 zog ich, unrasiert, vergammelte Klamotten, ungewaschen, wie ich mir damals einen echten Penner vorstellte, die schwere Eisentür des Bremer Bahnhofsbunkers auf und bat den Pförtner, der mich kritisch musterte und meine Personalien wie vorgeschrieben gleich der Polizei übermittelte, um einen Bettplatz. Ende März 1971 erhielt ich für den Bunkeraufenthalt und die daraus folgende Rundfunksendung einen Preis, den Förderpreis für qualifizierten Nachwuchs, den die ARD vergibt, den Kurt-Magnus-Preis. Namens der Auswahlkommission schrieb mir einer der Programmdirektoren von der Freude, daß ich also ausgezeichnet werde. Und ich freute mich natürlich ...

Doch wer sonst hätte noch Grund zu eben dieser Freude? Haben zum Beispiel, um zur Kernfrage vorzustoßen, die Bunkerbewohner Grund zur Freude? Weil sich an ihrer Situation etwas geändert hat? In diesem Jahr, das zwischen meinem Pennerbesuch, Produktion der Sendung und Preisverleihung liegt? Eben die haben keinen Grund zur Freude. Denn nichts hat sich geändert. Es hat Unruhe gegeben. Die in der Sendung geschilderten Zustände sind niemals dementiert worden. Man sagte, man bemühe sich um Verbesserungen. Man bemüht sich noch immer.

Wie es sich gehört, kannte ich zuvor keine „Penner“ und hielt mich auch von ihnen fern. So wußte ich auch nichts von „Übernachtungsheimen“, wie man die Schlafasyle zu umschreiben pflegt. Im Bremer Bahnhofsbunker, der (Gott sei’s geklagt) der Inneren Mission untersteht, ist Singen und Pfeifen verboten. Die Toiletten sind nicht abzuriegeln, und da die Pumpe nicht funktioniert, sind die Klosettschüsseln randvoll verkotet. Wer sie benutzt, empfindet die ersten Wochen einen Brechreiz, dann legt sich auch das. Man schläft in primitiven, unsauberen Betten, zusammen mit sechzehn oder zwanzig Mann, in Sälen oder Luftschutzfluren. 150 Leuten stand seinerzeit eine Dusche zur Verfügung, vielleicht ist die zweite inzwischen repariert. Vielleicht.

Wenn man von den sanitären Verhältnissen auch besser schweigt, die Miete kann sich hören lassen: neunzig Deutsche Mark im Monat, ohne den wäßrigen Morgenkaffee, ohne das übelriechende Eintopfessen, ein happiger Preis. Doch schließlich ist dieser Bunker noch komfortabel. Im Hafenbunker schliefen die Menschen auf grauem, nacktem Betonfußboden, in sitzender Haltung, weil die Betongruft, die man „Auffangabteilung“ zu nennen beliebt, so eng ist. Wer sich rechtzeitig eine Zeitung organisierte, hatte sogar eine Schlafunterlage für die Nacht, und wem es gelingt, in die oberen Bunkerstockwerke vorzudringen, darf sein müdes Haupt immerhin auf Drahtmatratzengestelle betten.

Radio Bremen scheute sich nicht, diese Fakten zu senden, mit Originalaufnahmen, Interviews mit Bunkerbewohnern, Bunkerangestellten und Lebensläufen der Insassen, Menschen, die durch irre Schicksale in den Bremer „Untergrund“ getrieben wurden, und mit den obligatorischen Spruchweisheiten deutscher Übernachtungsasyle und ihrer Träger. Eine schockende Sendung war es; und das war’s.

Man hätte inzwischen das Gras über dem Bunker weiterwachsen lassen können, das ohnedies über ihm gedeiht, auf dem Bahnhofsvorplatz zu Bremen. Beim Autor legt sich schließlich auch romantische Verklärung über die Bunkerwirklichkeit, weil er doch einmal bei den ganz Armen weilte und mit ihnen das Schmalzbrot teilte. Da kommt die Preisverleihung dazwischen. Der Autor ist nicht nur ein Mensch mit Sozialimpulsen, das macht sich derzeit gut; er ist sogar ins Künstlerische vorgestoßen. Das Ästhetische triumphiert über die soziale Brutalität. Der Autor hat aus Versehen statt der Bunkertür die Leier ergriffen, statt in Bremens Subkultur war er bei Orpheus zu Gast. Menschliches Elend wird zum künstlerischen Ereignis. Der Autor läßt sich für das Elend anderer auszeichnen.

Was mache ich mit dem Preis? Eine neue Schreibmaschine kaufen? Den Bunkerbewohnern eine erste Rate überweisen, daß man dort endlich den Kot absaugen kann und an die Toilettentüren ein paar Riegel von Woolworth anbringt? Oder lieber etwas Dynamit erstehen, den Bunker in die Luft zu sprengen? Denn diese Kraft erscheint zum Schluß überzeugender als die Kraft des Wortes. Ernst Klee