Die Aktien der Edelstahlwerke Südwestfalen, der Deutschen Edelstahlwerke (DEW) und des Edelstahlwerks Witten gehören auf Grund der Mehrheitsverhältnisse bei diesen Gesellschaften nicht zu den großen Publikumswerten der deutschen Börsen. Dennoch entzündet sich seit einigen Jahren immer wieder die Phantasie an diesen Papieren, Das zeigen schon die starken Kursausschläge. Im vergangenen Jahr schwankten die Notierungen für Südwestfalen zwischen 340 und 470 Punkten, für Edelstahl Witten zwischen 350 und 478 und für DEW zwischen 205 und 290 Punkten.

Die jetzt vorgelegten Abschlüsse für das Geschäftsjahr 1969/70 sind durchaus dazu angetan, wieder eine neue Spekulation auf eine mögliche Abfindung der wenigen freien Aktionäre auszulösen. An den Stahlwerken Südwestfalen ist das Münchner Bankhaus Merck, Finck und Co, des August von Finck mit 37 Prozent beteiligt, 30 Prozent hält die Allianz, 25 Prozent Hoesch, so daß lediglich sieben Prozent des Kapitals freien Aktionären gehören. Auch bei Edelstahl Witten ist August von Finck mit 34 Prozent beteiligt, während die Rheinischen Stahlwerke 63 Prozent besitzen. Bei DEW schließlich ist die Thyssen-Hütte mit 94,4 Prozent Großaktionär.

Zumindest zwei der drei Werke – Südwestfalen und Witten – müssen nach dem erfolgreichen Geschäftsjahr 1969/70, das neue Produktionsrekorde brachte, für eine langfristige Sicherung ihrer Rohstoffbasis sorgen. So haben die Werke denn auch umfangreiche Investitionsprogramme angekündigt. Witten will bis 1974 210 Millionen Mark investieren, Südwestfalen bis 1972 153 Millionen. Es wäre naheliegend, wenn hinsichtlich der Rohstoffbasis eine Abstimmung zwischen den Werken erfolgen würde.

So hat denn auch August von Finck zugegeben, daß „zwischen den Technikern“ Gespräche stattfinden. Zu welchem Erfolg sie führen werden, weiß heute noch niemand, denn erst einmal muß das Kriegsbeil zwischen dem Wittener Großaktionär Rheinstahl, aus dessen Aufsichtsrat August von Finck und sein Sohn im vergangenen Jahr nicht ganz freiwillig ausschieden und dem Hause Finck begraben werden. So war dem Wittener Vorstand Hans-Heinz Boos lediglich die Bemerkung zu entlocken: „Wir beteiligen uns weder am Kriegsgeschrei, noch an Friedensgesprächen.“

Ein Stein des Anstoßes, an dem bisher eine Einigung scheiterte, war der Verbleib der zum Edelstahlbereich von Rheinstahl gehörenden Henrichshütte in Hattingen, die in keine wie auch immer geartete Konstruktion hineinpassen will.

Von Thyssen her besteht kaum ein Anlaß, die DEW in einer anderen Gesellschaft aufgehen zu lassen, denn schließlich hat die DEW eine Mark der Thyssen-Dividende von sieben Mark je 50-Mark-Aktie in die Kasse gebracht. Auch Edelstahl ’Witten konnte einiges für die Rheinstahlkasse tun. Die Ausschüttung wurde von 14 auf 18 Prozent erhöht, nachdem sie erst im Jahr zuvor von 10 auf 14 Prozent heraufgesetzt worden war. Lediglich Südwestfalen blieb angesichts der unsicheren Zukunft bei der Vorjahresdividende: zum elften Mal werden 14 Prozent verteilt.

Welche Lösungen auch in den Vorstandsetagen der Großaktionäre ausgebrütet und wieviel Zeit sie noch für eine praktikable Lösung brauchen werden, es ist nicht auszuschließen, daß die freien Aktionäre auf der Strecke bleiben werden. Man wird sie aber „edel“ abfinden müssen. Und das rechtfertigt die heutigen Kurse. mh