Frankfurt

Das Experiment des Kompromisses, sprach Wilhelm Fay, Frankfurter Bürgermeister und seit dem Wochenende Ehrenvorsitzender der städtischen CDU, „ist als gelungen zu betrachten“, die Partei habe wieder eine Plattform, auf der sich arbeiten lasse. „Was wir hier praktiziert haben“, kommentierte Heinz Riesenhuber, Bundesvorstandsmitglied der Jungen Union, „war in letzter Konsequenz, ein Parteitag der Sterilität“ – und eine delegierte Dame fügte, um eine Tonlage heftiger, deutlich resigniert hinzu: So mache Politik nun wirklich keinen Spaß mehr.

Fay, Riesenhuber und die vehemente Dame sind alles andere als hoffnungslos zerstrittene Exponenten der in Flügelkämpfen sich windenden Frankfurter Christenunion, sie sitzen vielmehr in einem Boot, quer durch die Jahrgänge zur Front gegen einen Gegner zusammengeschweißt, der seit vergangenem Sonnabend offiziell nicht mehr existiert: eine etwa 250 Mann starke, wohl größtenteils rechtsorientierte Truppe junger Parteigänger, die unter der Bezeichnung „IG Adel und Banken“ – selbstgewählter Firmenname „Gruppe 70“ – wochenlang für bundesweites Aufsehen gesorgt hatte.

Der Kreisparteitag schaffte das Problem, das zwischendurch selbst den Bundesvorsitzenden Kurt Georg Kiesinger zum Ausspruch tiefer Besorgnis veranlaßt hatte, so gründlich aus der Welt, daß in der Schlußphase der Gespräche fast ein Hauch von Langeweile aufkam: Die Delegierten, im Bemühen, eine möglichst keimfreie Atmosphäre zu erhalten, überboten einander im Ausklammern schwelender Fragen, der acht Tage zuvor unter Führung des stellvertretenden hessischen Landesvorsitzenden Walter Wallmann ausgehandelte Kompromiß wurde peinlich genau eingehalten, das Wort von der „Wunde“, in der nicht gerührt werden dürfe, avancierte zur meistgebrauchten, heilig gehaltenen Vokabel des ganzen Konvents.

So blieb nach außen alles beim alten. Ernst Gerhardt wurde mit einer auch im Abstimmungsergebnis sich niederschlagenden Selbstverständlichkeit im Amt des Kreisvorsitzenden bestätigt, als habe es nie zuvor eine Kritik der „Gruppe 70“ an seiner angeblich zu laschen Haltung gegenüber den Frankfurter Sozialdemokraten gegeben, die CDU wird weiterhin im Magistrat bleiben und dem übermächtigen Partner SPD „flexibel“ und „kooperativ“ begegnen, die aufbegehrende Blut- und Geldaristokratie, die angeblich dem konservativen Landeschef Alfred Dregger nahestehen soll und in fünf Frankfurter Bezirksgruppen handstreichartig die Macht übernommen hatte, ließ alles über sich ergehen und tat sich statt dessen an einem fürstlichen Honorar gütlich: im künftigen Kreisvorstand verfügen die „Siebziger“ über drei Beisitzerposten.

Es könnte also alles wieder in bester Ordnung sein, doch der schöne Schein trügt erheblich. Der Parteitag, ein demokratisches Entscheidungsgremium von beachtlichem Rang, entschied nichts, er deckte zu. Die bitternotwendige Diskussion über das völlig ungeklärte Selbstverständnis der CDU in einer der wichtigsten bundesdeutschen Städte entfiel zugunsten der Demonstration von Taktik und Disziplin. Nahezu alle Fragen blieben offen oder wurden in konzilianten Formulierungen übergangen. Beispielsweise: wie stark ist Gerhardt wirklich? Oder: Wie sieht der künftige Kurs der Partei in einer Stadt aus, die von einem linken Sozialdemokraten vom Zuschnitt Walter Möllers geführt wird? Man weiß nichts Genaues, sondern allenfalls, wie Gerhardt es formulierte, daß die Union nach den Wochen der Unruhe „wieder eine Partei der Mitte“ sein möchte.

Es spricht vieles dafür, daß sich die CDU in eine unerträgliche Situation hineinmanövriert hat – nach dem Parteitag der Meinungsenthaltung in eine Phase des vermeintlichen Waffenstillstandes, der schon immer eine hohe Zeit für Heckenschützen gewesen ist. Hans-Joachim Noack