Von Carl-Christian Kaiser

Bonn/Hamburg, im April

Am Neßpriel in Hamburg-Finkenwerder hat die deutsche Geschichte fünfundzwanzig Jahre Verspätung. Nur die Vorfrühlingssonne hellt das triste Barackenmilieu auf. Hier leben gegenwärtig mehr als 400 Aussiedler aus Polen. Wer nach 1945 je als Flüchtling oder Vertriebener umherirrte, erfaßt in einem Augenblick, daß das, was war, wieder ist: die dunklen Gänge, der Geruch von Sauerkohl, die staubigen, grauen Lagerwege, der verzweifelte Versuch, in winzigen Zimmern mit abgewetzten Tapeten und schäbigem Mobiliar dennoch einen Hauch von Wohnlichkeit zu schaffen.

Frau K., vor einem Monat mit Mann und vier Kindern aus Oppeln gekommen, empfängt uns im Schlafraum. Über das Bett ist sorgfältig ein blaues Plumeau gebreitet, über den Tisch eine Zierdecke. An der Wand hängt ein Kreuz, daneben Christusdarstellungen. In der Ecke steht sogar ein Fernsehapparat, ein Geschenk ihrer Verwandten, die sie aus Oberschlesien geholt haben. Dennoch sagt Frau K.: „Am ersten Tag, wie wir hier rein sind, da hab’ ich mecht weinen.“

Finkenwerder ist eine der vorläufigen Endstationen jenes langen Weges, der mit Briefen an das Deutsche Rote Kreuz beginnt, in denen es zum Beispiel heißt: „Ich der Endesunterzeichnete ... erlaube mir nachstehende Bitte zu unterbreiten und um deren Befürwortung gütigst zu bitten. Ich bin der Sohn eines Arbeiters und habe eine streng deutsche Jugend hinter mir. Da ich mich deutsch fühle, möchte ich mit meiner Familie auswandern mit meiner Familie und Schwiegermutter.“ Oder: „Höflichst erlaube ich mir eine Bitte an Sie zu stellen. Und zwar möchte ich gerne nach Deutschland rausfahren. Denn ich und mein Mann wir sind deatsch gesint.“ Oder: „Habe eine große Bitte an das Deutsche Rote Kreuz. Um mich mit meiner Familie in die Deutsche Bundes Republik zum dauenden Aufendhaid zu ziehen. Dabei brauche ich eine Einladung ...“

Um eine solche Einladung, die notwendig ist für jede Aussiedlung aus Polen, braucht sich niemand zu sorgen, der in der Bundesrepublik Verwandte, Bekannte oder Freunde hat, und die bereit sind, diese Einladung zu Protokoll zu geben. Sofern sie es nicht von sich aus tun, schreibt das Rote Kreuz an jene, die ihm am besten geeignet erscheinen, Einladungs-„Stützpunkt“ für die Eröffnung des Aussiedlungsverfahrens zu sein – sei es auf Grund der Namensangaben, die von den in Polen lebenden Deutschen kommen, oder auf Grund der Anfragen, die von Bürgern der Bundesrepublik stammen.

Die Prozedur der Aussiedlung ist in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Roten Kreuz mittlerweile genau geregelt. Die 523 Kreisverbände des DRK, bei denen jedes Verfahren seinen Anfang nimmt, verfügen über die notwendigen Formulare, der DRK-Suchdienst Hamburg als Zentrale, die täglich bis zu 1000 Zuschriften erreichten, über Formbriefe, die verschiedene Anfragen beantworten und ihrerseits auf die Kreisverbände als Ausgangspunkt des Verfahrens verweisen. An Hand der dort gesammelten Daten präsentiert der Hamburger Suchdienst schließlich den polnischen Partnern die Listen mit den Namen der Ausreisewilligen.