Von Rolf Diekhof

Hubert H. Humphrey, demokratischer US-Senator und Spitzenkandidat für die nächsten Präsidentenwahlen, stimmte in der vergangenen Woche gegen die eigene Lobby. Sein „Kein“ zur Fortsetzung des SST-Programmes überraschte die Parteifreunde und verärgerte seine Förderer, die Gewerkschaften. Diese hatten Humphreys letzten Wahlkampf massiv unterstützt, und sie waren auch die stärkste pressure group im Kampf um Senatorenstimmen für eine Fortsetzung des SST-Projektes gewesen.

Humphreys „Nein“ ist typisch: Der Überschallehrgeiz der Nixon-Administration scheiterte nicht an wirtschaftlichen Überlegungen, sondern an Emotionen und politischem Kalkül. Das SST war zum Symbol des Kampfes gegen das Establishment geworden. Humphreys Begründung für seine Entscheidung: Er habe seine politischen Fühler in Richtung auf die jüngeren Wähler ausgestreckt.

Vergeblich hatte Nixon in Fernsehsendungen und Telephongesprächen, mit politischen Geschenken und persönlichen Briefen um Stimmen gebettelt. Seine mächtigen Verbündeten, die Gewerkschaften und die Luftfahrtindustrie, investierten Millionen umsonst in die auf patriotische Warnung gestimmte Werbekampagne: „Ohne SST werden die USA eine zweitrangige Macht!“

Der Slogan der Sieger war weniger griffig. Sie stellten die simple Frage: „Was sollen wir damit?“ oder: „Was soll ein Flugzeug, das dem Wohle einer reichen fliegenden Schicht dient, aber von der nichtfliegenden Minderheit bezahlt werden muß?“ Ein zweiter Aspekt hatte weit stärkere Durchschlagskraft: Überschallflugzeuge verschmutzen die Umwelt, verursachen Krebserkrankungen, vernichten Fauna und Flora. Das stimmt zumindest teilweise: Die superschnellen Flugzeuge machen mehr Krach und stoßen mehr und giftigere Gase aus als alle ihre Vorgänger.

Welche Veränderungen eine Flotte von ein paar tausend SST in der Stratosphäre verursachen würde, das weiß allerdings niemand im voraus, das kann man nur ausprobieren. Vielleicht würde – wie von amerikanischen Experten berechnet – unser Wetter tatsächlich durcheinander geraten, vielleicht würden die Polkappen wirklich schmelzen, vielleicht gäbe es tatsächlich in den USA allein im Jahr 20 000 bis 30 000 zusätzliche Fälle von Hautkrebs.

Daß es Überraschungen geben würde, ist sicher. Die Engländer, die das britisch-französische Überschallflugzeug „Concorde“ an ihrer Küste testen, stellen fest, daß einige Arten von „Seegetier“ (genaueres wird nicht mitgeteilt) den Überschallknall nicht vertragen. Die Tiere sterben daran.