Von Gisela Brackert

Unter Westdeutschlands Großstädten rangiert Köln am Rhein nach Berlin, Hamburg und München an vierter Stelle.

Köln hat 860 000 Einwohner, davon 55 000 Gastarbeiter. Sein Industrieumsatz beträgt mehr als acht Milliarden Mark im Jahr. Die Kölner Messe- und Ausstellungs-GmbH veranstaltet jährlich etwa 12 bis 15 Fachmessen.

Mit einer florierenden und zukunftsträchtigen Wirtschaftsstruktur freilich können heute viele deutsche Großstädte aufwarten. Was bei Köln jedoch hinzukommt, ist der nicht selbstverständliche Umstand, daß der wirtschaftliche Aufschwung von einer nicht minder bemerkenswerten Zunahme der kulturellen Attraktivität dieser Stadt begleitet ist.

Besonders auf dem Gebiet der bildenden Kunst hat Köln in einem überraschenden Finish die traditionellen Kunststädte München und Düsseldorf auf den zweiten Platz verwiesen, seitdem es mit hart umkämpfter Entschlossenheit auf die Moderne setzte und damit Köln sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene eine Funktion zuspielte, die ihm im Augenblick von keiner anderen deutschen Großstadt streitig gemacht wird. Die Kölner selbst nehmen die plötzliche Konzentration an moderner Kunst in ihren Mauern mit jener achselzuckenden Gelassenheit hin, die auch sonst ihr Verhältnis zu Welt und Umwelt charakterisiert: „Jet Jede sin mer all, avver jede Jede eß anders.“ Weltläufige Nichtkölner hingegen, wie der Aachener Industrielle Peter Ludwig, dessen großangelegte Sammlung zeitgenössischer Kunst die jüngste und zugkräftigste Attraktion des ehrwürdigen Wallraf-Richartz-Museum ist, sehen es anders: „Ich glaube, daß Köln heute eines der kulturellen Zentren nicht nur der Bundesrepublik, sondern Westeuropas ist. In keiner Stadt sonst wäre es möglich gewesen, dieser Kunst der sechziger Jahre zu einem so raschen Durchbruch zu verhelfen wie in Köln.“

Doch wie wird eine Stadt zu einem „kulturellen Zentrum“, das heißt, zu einem Ort, an dem der Kulturbetrieb sich nicht in der mehr schlechten als rechten Befriedigung der Bedürfnisse des Bildungsbürgertums erschöpft, sondern Kräfte an sich bindet, die diese Reproduktion kultureller Konventionen zu durchbrechen imstande sind?

Ganz ohne Zweifel ist die Ausgangssituation dafür in Köln ungewöhnlich günstig; denn es ist. in dieser Stadt nicht nur allerhand Kapital, sondern auch allerhand Intelligenz konzentriert. Die Universität, ein paar bedeutende Verlage, drei Rundfunkhäuser machen Köln zu einem natürlichen Sammelbecken für Schriftsteller, Literaten, Journalisten und Media-Leute im weitesten Sinne des Wortes. In oder bei Köln leben die Schriftsteller Heinrich Böll, Paul Schallück, Dieter Wellershoff, Jürgen Becker, Rolf .Dieter Brinkmann, Peter Faecke, Hans Bender, Rolf Schroers, Marianne Kesting. Das elektronische Studio des WDR, über Jahre hindurch eines der entscheidenden Produktionszentren für neue Musik, brachte Stockhausen, Kagel, Cage und Paik nach Köln. Eine günstige, aber keineswegs einmalige Situation. Ähnliche Konstellationen finden sich schließlich auch in Hamburg und Berlin, in München oder Frankfurt. Nicht überall jedoch findet sich – wie in Köln – ein Kulturdezernent, der dieses Kapital.zu nutzen, ja sogar zu mehren versteht: Kurt Hackenberg.