Von Alexander Rost

Auf der Suche nach neuen Weltwundern ging ich über den Korridor der Redaktion: Wissenschaftsredaktion, Reiseredaktion, Redaktion „Modernes Leben“, na, was wird denn da geboten? Die Wissenschaft wimmelt von Wundern im Mikro- und Makrokosmos; aber wo, vor lauter Wundern, hat sie ihre Weltwunder? Um Wunder nicht verlegen ist auch die Globetrotterei; doch ihre Weltwunder sind, genau besehen, schlicht Naturwunder oder doch die Weltwunder vergangener Zeiten und Kulturen. Im modernen Leben könnte man Wunder wie Kaninchen aus dem Hut Zaubern; aber Wunder in einer aufgeklärten Gesellschaft machen eher mißtrauisch. So leicht regt sich niemand mehr auf, und das schon, gar nicht, wenn ein Turm ein paar Meter höher als ein anderer, eine Brücke besonders lang oder eine Maschine schneller als der Schall ist. Es ist ziemlich schwierig, ein neues Weltwunder zu finden, und gar erst sieben ...

Seltsamerweise ist es schon seit einiger Zeit Mode geworden, wieder nach Weltwundern zu fahnden. Die Touristik hat die Wegweiser dazu aufgestellt. „Reisen zu neuen Weltwundern“ ist eine ihrer zugkräftigsten Parolen. Die Suche, nach dem im Alltag verlorenen Wunder lockt zu Tempeln im Dschungel, Ruinen im tropischen Regenwald, geborstenen Säulen in der Wüste; und vor allem lockt sie zu klassischen Stätten. Eines der alten Sieben Weltwunder, die Pyramiden, steht heute noch in den Reiseprospekten obenan.

„Babels Backsteinmauern sah ich, drauf der Wagen Räder rollen / Staunt an des Alpheios Ufern an den Zeus, den hoheitsvollen / Auch die Hängegärten konnt’ ich, den Koloß in Rhodos sehen / Und der großen, mühevollen Pyramiden steile Höhen; /Selbst Maussolos’ riesig Grabmal. Aber seit in diesen Tagen / Ich Dianas Dom gesehen in die Himmelswolken ragen, / Scheint mir alles andre kleinlich. Aus des Äthers Höhen nieder / Blickt des Sonnengottes Auge auf kein gleiches Bauwerk wieder.“ So hat man aus der Anthologia Palatina ein Preislied auf die klassischen Weltwunder übersetzt; und was nun wirklich zu den Sieben Weltwundern zählte, war auch damals schon umstritten. Den Turm von Babel, Legende geworden, ersetzte man durch den Leuchtturm von Pharos vor Alexandria.

Der Leuchtturm steht längst nicht mehr. Der Koloß von Rhodos, eine Bronzestatue, die angeblich vierunddreißig Meter hoch war, ist 227 v. Chr. bei einem Erdbeben eingestürzt; die Trümmer lagen noch länger als ein Jahrtausend herum. Im 11. Jahrhundert wurden sie nach Syrien gebracht und dort eingeschmolzen. Das Grabmal des Mausolos ist verschwunden; Reste befinden sich im Britischen Museum. Die Hängenden Gärten der Semiramis kann niemand beschreiben. Und nur Beschreibungen existieren noch von der Zeusstatue des Pheidias, die das Gold- und Elfenbein-Prachtstück in Olympia war. Der Artemis-Tempel von Ephesos, von Herostrat 365 v. Chr. niedergebrannt, dann desto prächtiger wieder aufgebaut, ist Ruinenrest. Die Pyramiden haben standgehalten. Ansonsten sind die alten Weltwunder verloren.

Die alten Weltwunder haben ihre Schuldigkeit getan. Gesucht werden die Sieben Weltwunder der siebziger Jahre. Finden sollen sie deutsche Journalisten, die an einem (inzwischen abgeschlossenen, aber noch nicht ausgewerteten) Wettbewerb jener Zigarettenfirma teilnahmen, die den Duft der großen weiten Welt durch ihre Werbung ziehen läßt. Das hat einige Diskussionen gegeben. Puritanische Vertreter des Journalistenstandes lehnen den Wettbewerb ab; in der Jury freilich sitzen einige der bekanntesten Chefredakteure. Jedenfalls ist es einer der umfangreichsten Wettbewerbe, der bislang die Schreibmaschinen klappern ließ; und die Suche nach den neuen Weltwundern ist immerhin ein reizvolles Spiel.

Über das Wort „Wunder“ braucht nicht gerechtet zu werden; es geht um den landläufigen Begriff, den das Lexikon als „Ereignis oder Erzeugnis, das über das gewöhnliche Maß weit hinausgeht“ erläutert. Die Schwierigkeiten liegen in einer anderen Definition. Was denn ist ein Weltwunder, ein neues Weltwunder zudem? Man wird es nicht erklären können, wenn man sich zu Weit von dem hellenistischen Begriff entfernt, und auch nicht, wenn man sich zu eng an ihn hält. Die Weltwunder damals waren gleichsam statuarisch; heute mögen sie dynamisch sein. Die moderne Wunderleistung ist nicht mehr einfach zu besichtigen, nicht nur her- und hingestellt; sie liegt vielmehr im Geschehen. Das freilich macht es schwer, sie als Weltwunder zu deklarieren: das Fernsehen etwa, den Mondflug, die Stickstoffsynthese, die ganze Nuklearphysik, und was immer auch Technik und Naturwissenschaften in diesem Jahrzehnt aufzubieten haben.