Nun spricht man wieder davon: von einer neuen Aufwertung der D-Mark. In jüngsten Veröffentlichungen zur konjunkturpolitischen Lage der Bundesrepublik würde – in Sorge um die Stabilität – das Instrument der Paritätsänderung ins Gespräch gebracht. Die Befürworter: der ehemalige Bundesbankpräsident Karl Blessing und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Da die Welle der Preis- und Kostensteigerung nicht verebbt sei, so das RWI, hätten sich die Sorgen um die Stabilisierung des Preisniveaus eher vergrößert. Nach Meinung der Essener Konjunkturforscher sind die konjunkturpolitischen Instanzen vor die Alternative gestellt, entweder die Bremsen wieder anzuziehen oder sich dem inflatorischen Prozeß auszuliefern.

Entscheide man sich für die Stabilisierung, dann müsse die Politik außenwirtschaftlich – „am besten über wechselkurspolitische Maßnahmen“ – abgesichert werden. Und das heißt: Aufwertung.

Die Alternative, die Bundesbankpräsident a. D. Blessing aufzeigt, lautet ähnlich: Die Sozialpartner haben heute zu wählen zwischen Lohndisziplin oder rückläufiger Beschäftigung. Die Preissteigerungsrate, die Blessing für 1971 auf 4,5 bis 5 Prozent schätzt, müsse auf viel geringere Sätze zurückgeführt werden. Auch Blessing sieht wie das RWI die Notwendigkeit einer Absicherung gegen die „inflatorische Umwelt“: Aufwertung.

Im Oktober 1969 hatte die Bundesregierung die Deutsche Mark um 8,5 Prozent aufgewertet, um sich einer Anpassungsinflation zu entziehen. Doch die erhoffte Wirkung blieb aus. Der kräftige Wirtschaftsboom brachte eine expansive Nachfrage – sowohl durch privaten und öffentlichen Verbrauch als auch aus dem Ausland. Preis- und Kostensteigerungen waren die Folge.

Die Möglichkeiten einer isolierten Stabilitätspolitik und einer Wechselkursveränderung im Alleingang verringern sich indes. In zwei Monaten wollen die EWG-Staaten die Bandbreiten ihrer Währungen offiziell auf 0,60 Prozent von gegenwärtig 0,75 Prozent herabsetzen. Das wäre der erste Schritt im Hinblick auf eine europäische Wirtschafts- und Währungsunion. gf