Von Klaus Endler

Ein ungutes Gefühl, zwischen Hoffnung und Skepsis, bleibt nach dieser ersten Pressekonferenz des documenta-Teams am 25. März im Kasseler Rathaus zurück: Ein faszinierendes, auf hohem theoretischen Niveau (das allerdings von vielen der Anwesenden als zu hoch empfunden wurde) entwickeltes und in sich geschlossenes Konzept, von Bazon Brock nach intensiver Vorarbeit und Diskussion mit den übrigen Hauptverantwortlichen formuliert, hinterließ den Eindruck, daß hier wieder einmal weitgehend bloß schöne Absichten vorgetragen wurden – an deren Verwirklichung aber mit den bereitstehenden und zu erwartenden Mitteln kaum zu denken ist. Wird das eindrucksvollste Kunstwerk der documenta 5 ihr Konzept sein?

Die Gesamtkosten der Kunst-Schau werden auf Grund detaillierter Voranschläge auf 5,7 Millionen Mark geschätzt, aber nur 3,6 Millionen sind bisher vorhanden, und wichtige Teile des Programms wie die Besucherschule, die Integrierung von Theater (Karlheinz Brauns und Peter Idens „Experimenta“) und Film sind finanziell überhaupt noch nicht gesichert. Die Summe, mit der man bisher rechnen zu können glaubt, setzt sich aus Zuschüssen der beiden Träger der Ausstellung, der Stadt Kassel und des Landes Hessen, sowie des Bundes und den erwarteten Erlösen aus Eintrittskarten und Katalogverkauf zusammen. Man erwartet 200 000 Besucher, also etwa so viele, wie auf der letzten documenta gezählt wurden.

Das Motto der documenta 5, die im Sommer nächsten Jahres wieder in Kassel stattfinden wird, lautet „Befragung der Realität – Bildwelten heute“.

Versuchten die vergangenen documentas gleichsam im Rückblick Entwicklungen der modernen Kunst an Hand von Einzelbildern und Objekten aufzuzeigen, so geht man im Konzept der documenta 5 davon aus, daß die Entwicklung der Kunstszene in vielen Teilen der Welt eine derartige Ausstellung „großer Kunst“ fragwürdig gemacht hat. Galt in der Vergangenheit das formale Kriterium der Aktualität als zureichend und war die Dominanz des Ausstellungsmaterials eine unbefragte Prämisse jeder Kunstausstellung, so soll jetzt einer veränderten Situation Rechnung getragen werden. Die Formen der Vermittlung von Kunst durch Markt, Kritik, Ausstellungswesen und die Massenmedien hatten nicht nur eine Reflexion der Bedingungen der künstlerischen Produktion zur Folge, sie lenkten das Interesse auch auf die Kunstrezeption. Neu und wichtig an dem Kasseler Konzept ist daher die stärkere Betonung didaktischer Präsentationsformen, die zwar auch im ursprünglichen Entwurf von Harald Szeemann, dem Generalsekretär der documenta, eine entscheidende Rolle spielten, in dem aber der Hauptakzent doch auf der Ereignisprogrammierung lag.

An Stelle des von documenta 1 bis 4 benutzten Slogans des „Museums der 100 Tage“ sollte 1972 das „100-Tage-Ereignis“ treten: „Die documenta 5 ist überwiegend keine statische Sammlung von Objekten (deren Prinzip vor allem in der Objektsichtung, in materiellem Besitz, Besitztransport, Besitzbestätigung und in Versicherung von Besitz besteht), sondern ein Prozeß sich aufeinander beziehender Ereignisse“, hatte es im ersten Exposé geheißen.

Kern der documenta wird zwar wieder eine Objekt/Bild-Ausstellung sein (für die Harald Szeemann, Arnold. Bode und Jean-Christophe Ammann verantwortlich sind), die jedoch streng thematisch ausgerichtet und nach inhaltlichen Kategorien gegliedert ist. Die Erscheinungsformen der Kunst als „Gegenwelt“, „Welt des schönen Scheins“, „Traumwelt“ und „Zwischenwelt“ sollen einerseits aus dem vorhandenen künstlerischen Material und dem Anspruch der Künstler, autonome Wirklichkeiten zu schaffen, abgeleitet, andererseits dem Anspruch der Gesellschaft an die Kunst zur „Erkenntnis von Lebensbedingungen und deren Veränderungen auf gegebene Ziele hin beizutragen“, konfrontiert werden.