Von Marion Gräfin Dönhoff

Gewalt und Schrecken standen Pate, als das Indische Reich 1947 zerbrach und der Staat Pakistan geboren wurde. In großen Wellen kamen Haß und Mordsucht damals über das Land und ließen eine halbe Million Tote zurück. Sieben Millionen Moslems flüchteten in das seit Jahrzehnten von Dichtern besungene und von Politikern herbeigesehnte Land islamischen Glaubens, in dem sie nun endlich selbst die Herren sein wollten.

Erst eine Generation ist in der neuen Heimat aufgewachsen, und nun bricht auch sie auseinander. Wie ungesichert die Nachrichten, die an die Außenwelt dringen, auch sein mögen, soviel steht doch fest: Scheich Mujibur Rahman hat "Bangla Desh", ein unabhängiges Ostpakistan, ausgerufen – und Ostpakistan ist die Mehrheit. Wie will eine Minderheit auf die Dauer die Mehrheit mit Gewalt zu einem Staatsbekenntnis zwingen, das jene ablehnt? Enttäuschung, Haß und nun auch vergossenes Blut werden die Ostpakistaner wohl für immer von ihren westlichen Brüdern trennen.

Mit sowjetischer Artillerie und chinesischen Panzern versuchte die Armee Westpakistans, die zur Separation entschlossenen Massen Scheich Mujiburs zur patriotischen Räson zu bringen. Ein russisches Sprichwort lautet: "Wenn die Fahne fliegt, ist der Verstand in der Trompete." Der Entschluß Yayha Khans, Scheich Mujibur und seine Partei – also praktisch das ganze Volk – als Verräter und Feinde zu bezeichnen und zu versuchen, mit 70 000 Mann ein davonstrebendes Volk von 75 Millionen zurückzuhalten, ist für einen Außenstehenden kaum verständlich.

Verletzung des Kriegsrechts soll mit Gefängnis bis zu sieben Jahren bestraft werden: Wo wohl die Gefängniswärter herkommen werden, die den Strafvollzug überwachen, wenn sich doch schon vor vierzehn Tagen kein Richter fand, der bereit war, den von Yayha Khan eingesetzten "Administrator" zu vereidigen? Und wie wohl der Nachschub für die Armee bewerkstelligt werden soll, wo an eine Luftbrücke gar nicht zu denken ist und ein Schiff von Karachi nach Chittagong sechs Tage unterwegs ist?

Ostpakistan verfügt zwar nur über etwa 12 000 Mann East Pakistan Rifles und eine Miliz von angeblich hunderttausend Mann, die sich zur Unterstützung Mujiburs organisiert hat, aber das ganze Volk ist fest entschlossen, sich aus der Vormundschaft der westlichen Landsleute zu befreien.

Es gibt jetzt wohl nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder es gelingt der westpakistanischen Armee, mit äußerster Brutalität, nach mörderischen Blutbädern verhältnismäßig rasch Friedhofstille zu schaffen; dann müßte Rawalpindi das Land auf unabsehbare Zeit besetzen und finanzieren, aber dafür werden sich weder die Quislinge finden noch die notwendigen finanziellen Mittel. Die andere Möglichkeit: Es gelingt Rawalpindi nicht, sich durchzusetzen, dann wird die Armee nach einem langwierigen Guerillakrieg ausgehungert werden – die Einheimischen selbst haben schon jetzt nicht mehr genug zu essen.