Von Sven Lindqvist

Jedes Jahr ziehen 75 000 Peruaner nach Lima. Sie treiben mit in einer der größten Völkerwanderungen der Geschichte – der lateinamerikanischen Landflucht. Zwischen 1960 und 1975 werden die Städte Lateinämerikas um nahezu 100 Millionen Menschen anwachsen.

Lima hatte Mitte der fünfziger Jahre eine Millionen Einwohner; davon wohnten zehn Prozent in den Slums. Anfang der sechziger Jahre hatte sich die Einwohnerzahl dieser Stadt verdoppelt, und es wohnten zwanzig Prozent in den Slums. Lima hat nach offiziellen Zahlen heute bereits 2,6 Millionen Einwohner, von denen die Hälfte in baufälligen Wohnungen und mehr als 30 Prozent in reinen Slums wohnen.

Die Zuwanderung geht rasch vor sich, und die Slums breiteten sich in Lima brutaler aus als in den meisten anderen Städten. Aber das Phänomen selbst ist typisch für den ganzen Kontinent. So ziemlich die sicherste Voraussage, die man für Lateinamerika in den siebziger Jahren machen kann, ist die, daß die Slums wachsen und die Zustände in diesen Slums sich verschlimmern werden.

Lateinamerikas Städte wachsen im Jahr durchschnittlich um fünf Prozent. In 15 Jahren verdoppelt sich also die Einwohnerzahl. Viele Städte wachsen noch schneller. Lima ist nur ein Beispiel. Chimbote, gleichfalls in Peru gelegen, ist seit 1940 um jährlich 13 Prozent gewachsen. Venezuelas Städte nahmen in den fünfziger Jahren um 80 Prozent zu, die Wachstumsraten sind auch jetzt noch groß.

Die Ursachen dieser Völkerwanderung? Man gibt der Wehrpflicht die Schuld, die den Jungen vom Lande Gelegenheit gibt, Geschmack am Stadtleben zu finden, oder dem Radio, das die Verlockungen der Großstädte in die Bergdörfer trägt; es heißt auch, daß bessere Straßen die Reiset in die Haupt–Stadt erleichtern; man wirft verantwortungslosen Politikern vor, in der Zeit der Wahlen die Massen mit paradiesischen Versprechungen eines höheren Lebensstandards, und besseren Ausbildungschancen zu locken, die später nicht verwirklicht werden können. Dies alles ist zwar auch wahr, aber nicht die eigentliche Ursache. Der fehlende Grund und Boden, die wirtschaftliche Stagnation, die niedrigen Löhne, kurz gesagt: die unerträglichen Verhältnisse auf dem Lande waren seit jeher die direkte oder indirekte Ursache der Überflutung der Großstädte. Das lateinamerikanische Landproletariat konnte jahrhundertelang von seinen Blutsaugern auf bequeme Distanz gehalten werden; das ist nun nicht länger möglich.

Die Massen haben sich in Bewegung gesetzt und strömen dorthin, wohin der Überschuß ihrer Arbeitsleistung schon seit jeher geflossen ist – in die Großstädte. Und sie bringen ihre Slums mit. Da gibt es recht unterschiedliche Typen: