Der Staat Pakistan zerfällt in seine beiden Landesteile. Scheich Mujibur Rahman, der 51jährige Führer der ostpakistanischen Awami-Liga, proklamierte in der letzten Woche die „Unabhängige Volksrepublik Bangla Desh“ (siehe auch Dokumente der ZEIT). Zu dieser Zeit tobte in Ostpakistan ein blutiger Bürgerkrieg, den die – vorwiegend westpakistanische – Armee am Donnerstag letzter Woche mit einem Angriff ohne Vorwarnung auf die ostpakistanische Hauptstadt . Dacca eröffnet hatte. Dabei soll es, wie der Geheimsender der bengalischen Regierung meldete, zn unvorstellbaren Grausamkeiten gekommen sein.

Über, den Stand der Kämpfe sind keine klaren Aussagen zu bekommen. Alle Journalisten wurden am Sonntag in einer Blitzaktion außer Landes gebracht. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken zwischen 3000 und 300 000. Während Westpakistan behauptet, die Lage „unter Kontrolle“ zu haben – das Leben habe sich wieder „normalisiert“ –, melden bengalische Sender weitere grausame Gefechte.

Die provisorische Regierung unter Major Zia Khan appellierte mehrfach an die Welt, politische, wirtschaftliche und humanitäre Hilfe zu leisten. Es drohe eine Hungersnot.

Nach Berichten von Reisenden kontrolliert die Armee die größeren Städte, keinesfalls aber alle 17 Bezirke Ostbengalens. Dagegen behaupten die Ostpakistani, sie hätten bereits die Oberhand in den Städten Chittagong, Jessore und Commilla gewonnen. Eine Befreiungsarmee stehe vor Dacca; der Flughafen sei heftig umkämpft; den Sender hätten Stoßtrupps bereits gesprengt.

Der Geheimsender „Freies Bengalen“ ab bekannt, daß Westpakistan Bombenflugzeuge einsetze. Die Truppen schonten auf ihrem, Rückzug auch die Bevölkerungsteile nicht, die sich ergäben und ihre Waffen ablieferten.

Unklar ist auch, ob Scheich Mujibur verhaftet ist oder sich im Kommandozentrum der Freiheitskämpfer aufhält. Ebenso ungewiß ist das Schicksal des westpakistanischen Militärgouverneurs, General Tikka Khan, der ermordet worden sein soll.

Bei den schwierigen Nachschubwegen scheint es ausgeschlossen, daß Westpakistan auf- die Dauer Ostpakistan beherrschen kann, zumal Indien und auch die Sowjetunion ihre Sympathie für „Bangla Desh“ bekundet haben. Staatspräsident Yayha Khan hatte vor: Ausbruch der Kämpfe in einwöchigen Beratungen mit Scheich Mujibur einen Kompromiß gesucht. Mujibur, seit 1942 Vorkämpfer einer allerdings auf friedlichem Wege zu erreichenden bengalischen Autonomie, hat dabei nach den spärlichen Meldungen unter dem Druck seiner radikalen Anhänger gestanden. Yayha Khan mußte dagegen den Anschein von Nachgiebigkeit vermeiden, weil die vier westpakistanischen Provinzen heftig gegen jede ostbengalische Autonomie opponierten.

Das Militärregime hat damit die seit Jahren schwelende Krise zwischen den beiden Landesteilen nicht meistern können. Ostpakistan fühlte sich stets von dem bevölkerungsschwä- cheren Westpakistan ausgebeutet. Ein großer Teil des Budgets wurde für die Armee ausgegeben, die einen in Ostpakistan unpopulären Krieg mit Indien um Kaschmir führte, aber hauptsächlich eingesetzt wurde, um Unruhen und Demonstrationen für die Autonomie Ostpakistans zu unterdrücken.