Von Marietta Riederer

Das Jahr 2000 als nächstliegendes Ziel anzupeilen, ist Sache der Zukunftsforscher. Ihre Untersuchungen umkreisen die Aspekte unserer „nachindustriellen Gesellschaft“. Sie versprechen im Lauf der Zeit nur mehr 7,5 Arbeitsstunden pro Tag, 4 Arbeitstage pro Woche, 10 gesetzliche Feiertage, 3 zusätzliche Wochenendtage, 39 Arbeitswochen und 13 Urlaubswochen pro Jahr. So stehen sich 147 Arbeitstage und 218 Freizeittage gegenüber. Erholung, Hobby, Nebenberufe, Sport, Reisen, Fithalte- und Lern-Programme oder ganz einfach Nichtstun: Welch ein Programm, welche Aussichten eröffnen sich hier für die Mode-Industrien!

Futurologen kündigen mehrmaliges Kleiderwechseln am Tage als selbstverständliche Gewohnheit an: Raus aus der korrekten Arbeitskleidung, rein in „unkorrekte Kleider“, und schon lassen sich Mühen und Ärger der Berufe schneller vergessen. Die Kostümierung kann beginnen: „Rat mal, wer ich bin und was ich tue!“ Und so wird auch das Angebot moderner Herrengarderobe sich bedeutend vergrößern. Als Basis dafür bietet sich die männliche Haute-Couture mit Eleganz und Erfahrung an, sozusagen als Laboratorium für die Kleidung „des Mannes auf der Straße“. Aber Voraussetzung hierfür sind erschwingliche Preise.

Ein Exempel bietet da C & A Brenninkmeyer, ein Großunternehmen, das Angelo Litrico, den großen Schneider, Italiens, als Trendsetzer oder fashion consulter seiner Herrenkonfektion ansetzte. Nun, Litrico, Maßschneider von Fellini, Ponti, Burton, Barnard und einst auch von Kennedy und Chruschtschow, verlangt für einen Original-Maßanzug 1750 Mark. Neben seiner Linea Traditione, die den konventionellen Trend verfolgt, stellte er soeben seine Linea Evoluzione mit Couture-Image vor. Hier geht es um einen saloppen, weichen und leichten Anzugstil dank Jerseys, Wirkstoffen und Strickgeweben. Beide „Linien“ mit körpernah gearbeiteten Sakkos, leicht geschwungener Schulterlinie und größeren Revers werden nun in Kürze im Spezialkaufhaus zu finden sein. Sie sind genau nach den Originalschnitten line-by-line kopiert und in einer Preislage um zweihundert Mark erhältlich. Das Futter der Anzüge ist mit dem Namenszug Litricos bedruckt, und an einigen Modellen findet man auch den mit einem „L“ geschmückten Knopf, bisher typische Merkmale für Originalmodelle aus Litricos Werkstatt.

Angelo Litrico wurde in der Nähe von Catania auf Sizilien als Sohn eines Fischers geboren, eines von 24 Kindern. Sechs Geschwister durften in die Schule gehen, sieben arbeiteten, wo sich Arbeit finden ließ. Angelo schürte Bügeleisen bei einem Flickschneider und fädelte die Nadeln ein. Der Traum, nach Rom zu gelangen, erfüllte sich später zufällig. Eine Touristin schenkte ihm das Bahnbillett, und die Großmutter steckte ihm dreitausend Lire in die Tasche. Bei einem Schneider in der Via Sicilia fand er einen Arbeitsplatz, für den er eine monatliche Miete in Höhe von hundert Mark zu bezahlen hatte. Um in die Oper zu kommen, wirkte er bei einer Claque mit; und in selbstgenähter, extravaganter Abendkleidung mischte er sich in der Pause zwischen das Publikum. Um Kunden zu fangen, spazierte er täglich mittags auf der Via Veneto. Die Eigenpropaganda lohnte sich. Nach einigen Jahren kaufte er die kleine Schneiderwerkstatt, in der sich heute, da sie in eine Boutique verwandelt ist, seine exklusiven Kunden am liebsten treffen.

Litrico war der erste, der Herrenmode über den Laufsteg in Rom schickte. Dressmen waren 1955 noch nicht bekannt, also suchte er kräftige Burschen vom Schlachthof und aus den Markthallen, die ohne Zaudern seine Modelle vorführten. Im Jahr 1957 reiste er mit Herren- und Damenmoden nach Rußland. Im Koffer befand sich auch ein Anzug, nach Phantasiemaßen angefertigt, als Gastgeschenk für Chruschtschow. Prompt folgte der Auftrag, Chruschtschow für dessen Amerikareise von Kopf bis Fuß einzukleiden.

Politik interessiert Litrico nicht; er schmunzelt, während er berichtet, daß das einzige, was Levi Eschkol und Gamal Abd el Nasser gemeinsam hatten, Litrico-Anzüge gewesen seien. Der Meister reist in alle Welt, knüpft Kontakte in Japan, Lateinamerika und in den USA. Er nennt das „Lernreisen“, den Blick immer auf billige Konfektion gerichtet, die zu verbessern und international modisch zu gestalten für ihn eine zweite Karriere bedeutet.