Bei seinem Gespräch mit Jürgen Echternach, dem Vorsitzenden der Jungen Union, erwähnte der künftige sowjetische Botschafter in Bonn, Valentin Falin, ein alliiertes Dokument aus dem Jahre 1947. Mit ihm wollte er beweisen, daß nach dem Krieg Berlin ein Teil der sowjetischen Besatzungszone war. Falin zeigte das Papier vor und ließ es seinen Gesprächspartnern übersetzen. Gleichzeitig meinte der Diplomat, wenn die Sowjetunion die DDR im Freundschaftsvertrag von 1964 verpflichtet habe, West-Berlin als „besondere politische Einheit“ zu betrachten, so sei dies ein großes Entgegenkommen der sowjetischen Regierung gewesen.

Zu diesem „Papier“ ist folgendes zu bemerken; Das Londoner Abkommen von 1944 und eine Reihe anderer Dokumente machen deutlich, daß Gesamt-Berlin niemals zur Sowjetzone gehörte; Ost-Berlin ist zudem durch zahlreiche Gesetze aus den Jahren 1955 bis 1961 erst nachträglich in die DDR eingegliedert worden und auch heute noch immer nicht voll gleichberechtigt. Die Ost-Berliner Mitglieder der DDR-Volkskammer sind nach wie vor nur „Vertreter“ und nicht Abgeordnete.

Die Tatsache, daß die Sowjetunion aus einem Berg von Akten des Alliierten Kontrollrates nur ein einziges Schriftstück vorweisen kann, das ihre Rechtsansicht zu bestätigen scheint, zeigt die Anfechtbarkeit ihrer Thesen. Das von Falin erwähnte Papier ist erstmals 1969 in der DDR-Zeitschrift Deutsche Außenpolitik von einem sowjetischen Autor zitiert worden. Das umstrittene Zitat lautet: „Infolge der besonderen Lage Großberlins, das gemeinsame Besatzungsgebiet der Vier Mächte (wie in der Vier-Mächte-Übereinkunft über die Besatzungszonen in Deutschland festgelegt) und zugleich Hauptstadt der sowjetischen Besatzungszone ist, dienten die Berliner Hauptquartiere dieser vier Parteien auch als deren Hauptquartiere für die sowjetische Zone.“ Mit den „vier Parteien“ waren die SPD, die CDU, die SED und die LPD gemeint.

Das Zitat stammt aus dem Anfang zu einem Bericht des Alliierten Kontrollrats für den Rat der Außenminister der Vier Mächte. Dieser Bericht sollte nach einer Vereinbarung der New Yorker Außenministerkonferenz vom Dezember 1946 für die im März 1947 in Moskau geplante Sitzung verfaßt werden. Das Berichtskonvolut, das der Alliierte Kontrollrat dann ausarbeitete, wog sechs Pfund. Der dritte von neun Abschnitten befaßte sich mit der Demokratisierung in Deutschland; er war seinerseits in neun Teile gegliedert. Der zweite Abschnitt trug die Überschrift: „Wiedererrichtung des demokratischen politischen Lebens, Freiheit der Rede, Recht auf Versammlung und öffentliche Diskussion und Ermutigung der demokratischen politischen Parteien.“

Als im Alliierten Kontrollrat am 8. Februar 1947 Übereinstimmung über den Text dieses Teils erzielt worden war, brachte der britische Vertreter Pink noch einen Entwurf über die Situation in Berlin ein. Dieser Entwurf wurde fünf Tage später zwar diskutiert, doch hielt ihn der sowjetische Vertreter für überflüssig. Auf sowjetischen Vorschlag hin kam er deshalb nicht in den offiziellen Text des Berichts, sondern mit kleinen Änderungen in den Anhang.

Die Sowjets hatten damals triftige Gründe, sich dem englischen Entwurf zu widersetzen, denn darin wurden die Ergebnisse der Berliner Wahlen vom 20. Oktober 1946 beschrieben, bei denen die SED mit 19,8 Prozent eine empfindliche Wahlniederlage erlitten hatte. Die Westmächte wollten mit diesem Bericht klarstellen, daß freie Wahlen auch dann zum Sieg der nichtkommunistischen Parteien führen, wenn sie direkt unter den Augen und im Einflußbereich der sowjetischen Besatzungsmacht stattfinden. Deshalb wurde in dem Bericht betont, daß Berlin nicht nur Sitz der Berliner Parteiorganisationen, sondern auch der Parteien der Sowjetzone war. Mit „Hauptstadt“ der Sowjetzone kann nur gemeint gewesen sein, daß die sowjetische Militäradministration Deutschlands (SMAD) ihren Sitz in Berlin hatte.

Im übrigen benutzen der englische Text, wie entsprechend der französische, den Begriff „Capital city“. Das entspricht nicht der staatsrechtlichen Vokabel „Hauptstadt“. Hauptstadt heißt auf englisch lediglich „capital“, also ohne den Zusatz „city“. Ein Beweis mehr, daß die Sowjets auf diesen Satz ihre Hauptstadtthese kaum stützen können. Auch die Amerikaner planten damals übrigens, ihre Militärverwaltung für Deutschland in die Vier-Mächte-Stadt Berlin zu verlegen.