Von Adolf Metzner

Die Hallen-Europameisterschaften der Leichtathleten in Sofia brachten mit 5,40 Metern einen neuen Hallen-Weltrekord im Stabhochsprung durch den Jenenser Nordwig. Aber schon kurze Zeit später gelang es dem Schweden Isaksson, sich in den USA mit dem Glasfiberstab noch einen Zentimeter höher zu katapultieren.

Jeder neue Weltrekord läßt die bohrende Frage nach den Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit wach werden. Professor Frucht hat schon vor Jahren in einer großangelegten Studie den Versuch gemacht, mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsberechnung der statistischen Mathematik entsprechende Vorhersagen zu machen. Das Verblüffende des an sich asymptotischen Kurvenverlaufs der Weltrekorde ist die Tatsache, daß die Rekorde immer schneller purzeln, je höher die Leistung geschraubt wird, obwohl man doch genau das Gegenteil vermuten sollte. Dieses Phänomen zeigt, daß die Bestleistungen der heutigen Spitzensportler von der endgültigen Grenze, die ein letztes Halt bedeutet, noch ziemlich weit entfernt sein müssen.

Für eine solche Betrachtung eignet sich aber der Stabhochsprung deshalb schlecht, weil bei ihm das Material des Stabes im Laufe der letzten Jahrzehnte zweimal verändert wurde. Bis zum Zweiten Weltkrieg sprang man mit Bambusstäben – hier hielt der Amerikaner Warmerdam mit 4,77 Metern den Weltrekord –, dann kam Leichtmetall an die Reihe und schließlich Glasfiber. Dieser Kunststoff erlaubt einen enormen Rückfederungseffekt und ließ den Stabhochsprung fast zu einem Varietéakt werden. Warum die alten Herren des Internationalen Leichtathletikverbandes diesen schnellenden Stab erlaubten, dagegen aber den Bürstenschuh für die Kunststoffbahnen verboten, wird immer ein Rätsel bleiben.

Der größte Teil der Verbesserungen des Weltrekordes im Stabhochsprung im letzten Jahrzehnt geht auf Kosten des Materials und nur der geringere auf Kosten der athletischen Leistung. Der neue Stab verlangte immerhin auch eine neue Sprungtechnik.

Wesentlich besser geeignet zur Beurteilung der rein menschlichen Leistung und ihres Aufwärtstrends scheint der Weitsprung zu sein, der in Sofia mit sehr guten 8,12 Metern von dem Oberschüler Baumgartner, der in Heppenheim an der Bergstraße zu Hause ist, gewonnen wurde. Hier ist seit Jahrzehnten keine neue „Technik“ mehr entwickelt worden wie zum Beispiel beim Hochsprung, auf den wir noch zu sprechen kommen. Allerdings sind auch beim Weitsprung in den letzten Jahren schnellere Anlaufbahnen aus Kunststoff an Stelle der Asche eingeführt worden, die sich natürlich ebenfalls, vorteilhaft auf die Leistung auswirken. Aber gerade der Weitsprung-Weltrekord schien einmal die Vermutung nahezulegen, daß eine menschliche Leistungsgrenze erreicht sei. Der von Jesse Owens 1935 aufgestellte Weltrekord von 8,13 Meter bestand nämlich sage und schreibe 25 Jahre lang; bis er 1960 endlich verbessert werden konnte. Ein wahrer Methusalem der Rekorde! In den fünfziger Jahren orakelte man deshalb bereits, hier sei ein Nonplusultra erreicht.

Aber wie hatten sich die Experten getäuscht! In den nächsten Jahren ging es zwar nur zentimeterweise vorwärts, wobei der schwarze Amerikaner Ralph Boston und der russische Armenier Ter-Owanesian sich wiederholt in die Weltrekordliste einzeichnen konnten. Schließlich war man bei 8,35 Meter angelangt, als 1968 in Mexico-City wieder einem US-Neger jener auch für die Kenner immer noch unfaßliche Sprung von 8,90 Metern gelang. Ausgerechnet in der Übung, wo schon einmal ein Stillstand von einem Vierteljahrhundert herrschte, der aber auch durch den Zweiten Weltkrieg mitbedingt war, wurde eine geradezu stupende Verbesserung von über einem halben Meter erzielt.