Gegen die Behauptung der Gewerkschaften, die Arbeitgeber zahlten so hohe über den tatsächlich vereinbarten Tarifen liegende Löhne, daß die Kritik an den Lohnforderungen unberechtigt sei, hat sich die Landesvereinigung industrieller Arbeitgeberverbände in Düsseldorf gewandt. Bei dieser Argumentation werde vergessen, daß der Raum zwischen dem tariflich vereinbarten Ecklohn und den Effektivverdiensten weitgehend durch ebenfalls tariflich abgesicherte Leistungen der Arbeitgeber ausgefüllt wird.

Es gibt keine Gesamtstatistik für einzelne Industriezweige, die unterschiedliche Arbeitsverhältnisse nicht nur in den Branchen, sondern auch in den einzelnen Betrieben ausweist. Die Gewerkschaften hatten vor der lernen Lohnrunde für die Chemie und die metallverarbeitende Industrie eine übertarifliche Bezahlung von rund 30 Prozent errechnet.

Nach den Berechnungen der Arbeitgeber entfallen jetzt jedoch etwa die Hälfte bis zwei Drittel der „übertariflich“ genannten Zahlungen auf Leistungen, die in den Tarifverträgen abgesichert sind. Sie sind demnach eine Zahlungsverpflichtung und keine freiwillige. Überbezahlung der Arbeitskräfte.

Diese Zahlungsverpflichtungen umfassen vor allem die Zuschläge zu den Ecklöhnen für Spätarbet (7,5 Prozent oder 38 Pfennig je Stunde), Nachtarbeit (15 Prozent oder 76 Pfennig), nächtliche Überstunden (50 Prozent), Sonntagsarbeit (70 Prozent) und Feiertagsarbeit (100 bis 150 Prozent). Etwa die Hälfte aller Arbeitnehmer der metallverarbeitenden Industrie sind Akkordlöhner, bei denen der Tariflohr lediglich auf 100 Prozent Arbeitsleistung berechnet ist. Dagegen erbringt mehr als die Hälfte eine zusätzliche Leistung von 20 bis 50 Prozent. Zeitlöhner bekommen einen 13prozentigen Aufschlag auf den Ecklohn.

Im einzelnen ergifct sich – an einem extremen Beispiel – folgende Rechnung: Ein qualifizierter Facharbeiter der Lohnstufe 7 erhält einen Ecklohn von 5,04 Mark. Für eine nachts geleistete Überstunde erhält er bereits nach Tarif 7,56 Mark. Dazu kommen 15 Pfennige vermögenswirksame Leistungen und – in unserem Beispiel – eine Erschwerniszulage von 30 Pfennig, so daß die Arbeitsstunde bereits 8,01 Mark kostet. Das entspricht über 160 Prozent des Tariflohns, ohne daß eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers enthalten ist. Wird diese Stunde gar an einem Feiertag geleistet, so kostet sie 10,53 Mark.

Nach den Erhebungen der Arbeitgeber betragen die tariflich vereinbarten Zuschläge zum Ecklohn durchschnittlich rund 25 Prozent, so daß der nach Tarif zu zahlende Lohn auf 6,30 Mark steigt. Das bedeutet nach dem statistisch ermittelten Durchschnittsstundenverdienst von etwas über 7 Mark jetzt noch effektive, Mehrzahlungen der Unternehmer von rund 10 Prozent.

Die IG Metall betrachtet die Verringerung des freien Spielraums als einen Erfolg der gewerkschaftlichen Lohnpolitik vom Herbst des Vorjahres. IG-Metall-Pressechef Werner Thönnessen: „Es war unser Ziel, diesen Spielraum zusammenzudrücken.“ mh