Düsseldorf

Oppositionsführer Heinrich Köppler (CDU) war außer sich: „Dies ist ein Skandal, daß die Landesregierung nichts gegen rechtswidrige Blockaden der Nahverkehrsunternehmen unternimmt!“ Tatsächlich rumort es seit sechs Wochen in Dortmund, Bochum, Hagen, Düsseldorf und anderen Orten auf Straßenbahnschienen und an Bushaltestellen. Grund: bevorstehende oder gerade erst vollzogene Preiserhöhungen.

Vor allem in der SPD-Hochburg Dortmund, wo Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller seinen Wahlkreis hat, ist der „Rote Punkt“ der täglichen Demonstranten zum springenden Punkt für kommunale Politiker geworden. Die Polizei hat alle Hände voll zu tun: Jungsozialisten, Junge Union, Gewerkschaftsjugend und natürlich auch Kommunisten und Maoisten protestieren. Gleichwohl will Innenminister Willi Weyer (FDP) jedweder Eskalation von vornherein ausweichen. Seine Antwort an Köppler: „Ich laß’ doch nicht auf Sitzgruppen einschlagen, die vorübergehend Schienen blockieren, Krawall und Aufruhr nehmen wir allerdings nicht hin!“

Die spärlichen Worte des Dialogs zwischen Regierung und Opposition verdeutlichen schon die Problematik dieser Wochen. Der Zorn gegen die teils bis zu 50 Prozent vorgesehenen Preiserhöhungen hat ähnlich wie seinerzeit in Hannover zunächst die jüngere Generation mobilisiert, ohne daß es aber deswegen gleich zu Straßenschlachten gekommen ist. Selbst die Kommunisten haben wohlweislich die Brandfackel des Aufruhrs nicht angezündet, sondern argumentieren in erster Linie nur gegen die haarsträubenden Preisabschläge.

So ist denn der rote Punkt, den Demonstranten am Jackett tragen und hilfsbereite Autofahrer an der Windschutzscheibe zeigen, gar nicht mehr so unpopulär wie zu Beginn der Aktion. Zusehends solidarisieren sich beispielsweise in Dortmund Hoesch-Arbeiter mit den Protestanten, zumal der Rat der Stadt sowie seine kommunalen Verkehrsbetriebe zu spät der Öffentlichkeit klarzumachen versuchten, warum überhaupt der Fahrschein teurer werden muß. Erst langsam sickert der amtliche Offenbarungseid in seiner ganzen Konsequenz durch: Der gravierende Unterschied zwischen Hannover 1968 und Dortmund 1971 liegt darin, daß man an der Leine den Profit der Straßenbahn steigern wollte, während es an der Ruhr nur noch darum geht, die totale Pleite abzuwenden.

Diese erschreckende Aussicht hat auch die Jungsozialisten zur Einsicht bewogen, auf den zuerst geforderten Nulltarif zu verzichten. Aber selbst der jetzt verlangte „Einheitstarif“ von 50 Pfennigen ist eine Illusion. Der alte Sozialdemokrat und Direktor, der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn, Arthur Hammer, stürzt sich in die wildesten Diskussionen: „Tausend Mark zahle ich dem, der mir beweist, daß jetzt in Hannover statt achtzig nur fünfzig Pfennige genommen werden.

Den bedrängten Kommunen und Betrieben verschaffen indes Extremisten immer wieder. Luft, Demonstrierende Kommunisten und Maoisten verwickeln sich bei ihrer gemeinsamen Aktion allzu leicht in ideologische Zweikämpfe, die mit wüsten Beschimpfungen über Megaphone oder mit Keilereien enden. Urplötzlich geht es da nicht mehr um billigere Fahrscheine, sondern um Karl Marx’ Bart. Pragmatischer ist da Lore Lorentz. Sie ließ am Wochenende dem Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“-Publikum durch ihren Ehemann Kay verkünden, sie wolle künftig nur noch jene Politiker wählen, die rote Punkte an der Windschutzscheibe ihrer Dienstwagen anbrächten: „Da diese Wagen über unsere Steuern laufen, sollten wir mitfahren können ...“