Von Wanda Bronska-Pampuch

Auf dem Speicher brannte eine Kerze. In der Mitte stand ein Faß, auf ihm lagen geöffnete Konserven und Weißbrot. Für die hungernden Lagerinsassen war das ein unerhörter Luxus – die Menschen lebten von dünner Linsensuppe, und auch davon gab es nicht genug ... Inmitten der Kriminellen saß ein Mann mit grauen Bartstoppeln und gelbem Ledermantel. Er trug Gedichte vor. L. kannte die Gedichte – es war Mandelstam. Die Kriminellen bewirteten ihn mit Konserven und Weißbrot; er aß ruhig, offensichtlich fürchtete er sich nur vor dem Lageressen. Sie hörten ihm schweigend zu und baten manchmal, ein Gedicht noch einmal vorzutragen. Er wiederholte es.“

Dieser Bericht steht fast am Ende des Buches der Witwe des Dichters Ossip Mandelstam –

Nadeshda Mandelstam: „Das Jahrhundert der Wölfe“ – Eine Autobiographie, aus dem Russischen von Elisabeth Mahler; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 600 S., 28,– DM.

Ein Mithäftling ihres Mannes hatte ihn ihr erzählt, als sie danach forschte, wie und wann Mandelstam umgekommen war. Das Lager, von dem L. sprach, war in Wladiwostok und hieß „Das zweite Flüßchen“. Von dort gingen damals die großen Gefangenentransporte nach Kolyma ab. Es war das Jahr 1938, Mandelstam war zu dieser Zeit schon etwas geistesgestört: Er litt an Verfolgungswahn, später brach dort Flecktyphus aus. L. verlor den Dichter aus den Augen. Dann erfuhr er, daß Mandelstam gestorben war. Irgendwann zwischen dem Dezember 1938 und April 1939 – er war siebenundvierzig Jahre alt geworden.

Ich gebe zu, daß mich der Bericht über den letzten Aufenthalt von Ossip Mandelstam aus persönlichem Grund besonders erregt hat: Ich war zu gleicher Zeit in dem gleichen Durchgangslager bei Wladiwostok. Ich fuhr im gleichen Gefangenentransport am 7. September 1938 aus Moskau ab. Der Zug war sehr lang, wir zählten achtzig Güterwagen – wir Frauen nahmen nur zwei davon ein, und ich ahnte nicht, daß unter den Tausenden gequälter Menschen, die er beförderte, auch der berühmte Ossip Mandelstam war. Vielleicht habe ich ihn sogar gesehen, als man uns an den Drahtkäfigen vorbeiführte, in denen die Männer Tag und Nacht unter bloßem Himmel eingepfercht stehen mußten, weil in den restlos überfüllten Baracken kein Platz mehr war? Ich hätte ihn nicht erkannt, denn er war mir in Moskau nie begegnet. Als ich Anfang der dreißiger Jahre dort ankam, war Mandelstam bereits zum Schweigen verurteilt – eine „Unperson“. Nur Eingeweihte sprachen von ihm, und auch sie nur flüsternd.

Er hatte sich eines furchtbaren Verbrechens schuldig gemacht: Der Lyriker, der nie politische Gedichte geschrieben hatte, hatte beim Anblick hungernder Bauernkinder plötzlich ein Gedicht gegen Stalin verfaßt: „Wir denken an den Bergbewohner im Kreml...“ Als sie ihn 1934 zum erstenmal holten, zerbrach sich seine Frau noch den Kopf, ob es deswegen sei. Sie hielten es beide für unmöglich – „wegen eines Gedichtes“. Vielleicht war doch eher die Ohrfeige schuld daran, die Mandelstam dem aalglatten Dichterfürsten Alexej Tolstoj verpaßt hatte? Tolstoj hatte gedroht, ihm das heimzuzahlen, und alle wußten, welche guten Beziehungen er überall hatte.