Von Dieter Buhl

Königswinter im März – das ist leicht ververblichene Pracht, die auf die frischen Farben des Frühlings wartet. Königswinter um diese Jahreszeit – das ist aber auch ein Synonym für ein außergewöhnliches Forum, für das deutsch-englische Gespräch. Es fand in diesem Jahr zum 21. Male statt. Doch die Volljährigkeit hat offensichtlich weder der bilateralen Thematik etwas von ihrer Brisanz noch dem etablierten Teilnehmerkreis, den fast zweihundert Parlamentariern, Diplomaten, Publizisten und Vertretern der Wirtschaft, etwas von seiner Regsamkeit genommen.

Das Thema lautete "Neue Perspektiven für Europa". In der englischen Version war es bezeichnenderweise durch den ernüchternden Zusatz "Belastungen und Verantwortlichkeiten" charakterisiert worden. Freilich wurde in den zweieinhalbtägigen Diskussionen deutlich, daß die europäischen Perspektiven nicht nur für die Engländer getrübt sind. Das zeigte sich vor allem in der Debatte um den Ausbau und die Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft, die in Königswinter den breitesten Raum einnahm und in der auch die Deutschen an ihre Verantwortung erinnert wurden.

Dabei bestätigte sich ein Trend, der dem erklärten Ziel, der Erweiterung der EWG, nicht unbedingt dienlich sein muß: nämlich die schwindende Leidenschaft bei der Beitrittsdebatte. Die Versachlichung bedeutete nicht, daß man in Königswinter die prinzipiellen Probleme als erledigt angesehen und sich sofort mit den Details eines Beitritts beschäftigt hätte. Für viele Engländer, daran wurde kein Zweifel gelassen, gibt es nach wie vor keine befriedigende Antwort auf die Schicksalsfragen: Ist der Beitritt ein Schritt nach vorn oder zurück? Geht mit dem Beitritt eine tausendjährige Geschichte zu Ende, oder wird Großbritannien in Europa seine wahre Größe finden?

Offensichtlich überraschte es viele deutsche Teilnehmer, daß diese Unklarheit nach wie vor besteht. Aber wie stark sie zugenommen hat, läßt sich auch mit Zahlen belegen: Waren noch vor ein paar Jahren über 60 Prozent der Briten für den Beitritt, so sind heute laut der letzten Meinungsumfrage nur noch 22 Prozent dafür.

Die Ursachen für diese Entwicklung waren in Königswinter schnell diagnostiziert: Unsicherheit und mangelndes Engagement der englischen Regierung sowie die Tatsache, daß die kurzfristigen Nachteile des Eintritts unübersehbar, seine langfristigen Vorteile hingegen nur schwer quantifizierbar sind. Unter diesen Umständen wirkte es überzeugend, wenn auf britischer Seite zugegeben wurde, Großbritannien sei noch immer auf der Suche nach seiner Rolle in der Welt – in Europa, in der Isolation oder, was nicht ohne Resignation vermerkt wurde, als 51. Staat der USA.

So war es denn verständlich, daß die Briten bestrebt waren, die deutsche Verantwortung an der Misere herauszukristallisieren, nämlich das unterentwickelte Durchsetzungsvermögen gegenüber Frankreich, und daß sie gleichzeitig an das Verantwortungsgefühl der Bundesregierung appellierten. Die maßvollen Appelle der Briten wurden von deutscher Seite übertroffen. So forderte ein CDU-Bundestagsabgeordneter den Bundeskanzler auf, der Beitrittsfrage Priorität vor der Lösung des Berlinproblems und überhaupt der gesamten Ostpolitik zu geben.