Von Hansjakob Stehle

Rom, im April

Im Gerichtssaal saßen die Witwen seiner Opfer. Der Angeklagte, zur Person befragt, redete frech den Hals: „Ich heiße Borghese, und wenn es Zweifel gibt, wie man das schreibt, dann können Sie es am Hauptportal der Peters-Basilika nachprüfen.“ Und wirklich, Fürst Junio Valerio Borghese, den die Anklage für Massentötungen an antifaschistischen Partisanen, auch von unbeteiligten Frauen und Kindern, für Folterungen und Plünderungen verantwortlich machte und der am 18. Februar 1949 in Rom zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, ist ein Nachkomme jenes Camillo Borghese, der als Papst Paul V. den Petersdom vollendete.

Dieser damals 43jährige Sproß einer Familie, mit der Napoleon seine Schwester verheiratete, hat nun, ein Vierteljahrhundert später, noch einmal Schlagzeilen gemacht. Der Verschwörung gegen den demokratischen Staat verdächtig, ist er – bisher unauffindbar – geflohen. Würde er heute wieder wie 1949 ein Urteil mit der zum Faschistengruß erhobenen Hand quittieren? Oder würde er gekränkt darauf bestehen – wie er jetzt seinem Anwalt schrieb –, daß man ein „schmutziges politisches Manöver“ gegen ihn inszeniert habe?

Wer ist dieser Borghese? „Ein schwieriger Mann, aber immerhin ein Held, den wir hoch schätzen“, sagte mir der Pressesprecher der Neofaschistischen Partei MSI. „Ein armer Überspannten, der seit seiner Kindheit nichts anderes tut, als von Unmöglichem, Absurdem und Utopischem zu träumen“, erinnerte sich sein älterer Bruder Flavio, ein Großgrundbesitzer in Sizilien, der auch am Heldentum Valerios zweifelt: „Ich würde es eher echte Verantwortungslosigkeit nennen.“ Der christdemokratische Fraktionschef Andreotti, langjähriger Verteidigungsminister, erzählte mir von einem Protestbrief Borgheses, den er bekam, weil ein neues italienisches U-Boot auf die Stadt Bari und nicht auf den Namen eines Kriegsheroen getauft wurde.

Als einen solchen Helden freilich betrachtet sich nicht nur Borghese selber. Sogar die Russen haben zum Gebrauch für die Rote Armee die Erinnerungen Borgheses als U-Boot-Kommandant übersetzt. Die höchste Tapferkeitsauszeichnung erhielt er jedoch für ein mißglücktes Unternehmen: Im Oktober 1940 drang er in den Hafen von Gibraltar ein und setzte drei bemannte Torpedos ab, die alle technisch versagten. Einen der zwei Froschmänner, die sich über Spanien retten konnten, setzte Borghese später im Hafen von Malta ab (wo der Offizier sich mit einem britischen Schiff in die Luft sprengte), den anderen im Hafen von Alexandria, wo es gelang, die britischen Schlachtkreuzer „Valiant“ und „Queen Elizabeth“ kampfunfähig zu machen.